50 Folgen „Was sagen Sie dazu?“ Eine persönliche Rückschau von Rebekka Reinhard

Rebekka Reinhard • 10 Juni 2022
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Was sagen Sie dazu? – der Wissens-Podcast der wbg

50 Folgen „Was sagen Sie dazu?“ Eine persönliche Rückschau von Rebekka Reinhard

2020 war das erste Corona-Jahr – für mich war es aber auch ein Glücksjahr. Denn 2020 beauftragte mich die wbg mit der Konzeption und Moderation eines neuen Sachbuch-Podcasts. Die Konkurrenz war von Anfang an groß; Podcasts zum Zwecke der Wissensvermittlung gibt es inzwischen wie Sand am Meer, für jeden Anspruch, jedes Interessengebiet. Meine Aufgabe war es, ein qualitativ hochwertiges Format zu entwickeln, das anders sein sollte als vergleichbare Sendungen: authentisch, dialogisch, menschlich – und zugleich lehrreich und informativ. Es ging darum, Autor:innen im Gespräch Zeit zu geben, um konzentriert Fragen zu ihren Werken zu beantworten… und auch an geeigneter Stelle ruhig ‚persönlich‘ zu werden; nicht nur als renommierte akademische Expert:in, sondern auch als Privatperson zu sprechen. Inzwischen, nach gut zwei Jahren, hat sich „Was sagen Sie dazu?“ mit nunmehr über 600.000 Abrufen zu einem der Reichweiten-stärksten deutschsprachigen Sachbuch-Podcasts entwickelt. An diesem Wochenende feiern wir ein Jubiläum: Mit der 50. Folge (in der die Osteuropa-Historikerinnen Franziska Davies und Katja Makhotina über die Wunden aufklären, die der Zweite Weltkrieg bis heute in Osteuropa gerissen hat) ist ein kleines Stück neueste wbg-Geschichte geschrieben – ein guter Anlass, zurückzublicken.

Ich erinnere lebhaft das allererste Autor:innen-Gespräch mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Es geht darin um den Begriff und den Wert der Freiheit, um demokratische Grundrechte und den kategorischen Imperativ – auch in Zusammenhang mit den Erfahrungen der allerersten Corona-Beschränkungen. Die gleiche Wertschätzung, die mir die Autorin und ehemalige Bundesjustizministerin entgegenbrachte, habe ich in vielen Gesprächen erfahren. Besonders beeindruckt hat mich in dieser Hinsicht Dan Diner (Folge 37), dem es nach Art des Universalgelehrten mit beeindruckender Leichtigkeit gelang, in wenigen Strichen die Rolle von Raum, Zeit und Kontingenz in Geschichtsnarrativen verdeutlichen. Wenn ich eine Folge nennen sollte, die mich emotional besonders berührt hat, wäre dies sicher Folge 30 mit Monique Lévi-Strauss. Die 1926 geborene Witwe des Ethnologen Claude Lévi-Strauss war mir aus ihrer Pariser Wohnung zugeschaltet. Ihre engagierte Enkelin hatte die alte Dame mit der Zoom-Technologie vertraut gemacht; sie saß auch während der gesamten Aufzeichnung still neben ihr. Obwohl die junge Ärztin die Biografie ihrer Großmutter natürlich kannte, bin ich sicher, sie war von der Eindringlichkeit, mit der die 95-jährige ihre Geschichte erzählte, ebenso ergriffen wie ich. Die unglaubliche Geschichte der Tochter einer jüdischen Mutter, die ab 1939 in Deutschland zur Schule ging – weil der belgische Vater aus beruflichen Gründen entschieden hatte, mit der ganzen Familie dorthin zu ziehen. Die wahre Geschichte einer Frau, die sich ein vorurteilsloses Bild der Deutschen zu jener Zeit machte: „nicht alle waren schlecht“. 

Spannend fand ich auch die 25. Folge mit der international renommierten, für ihre Wissensvermittlung vielfach ausgezeichnete und sehr sympathische Chemikerin und Journalistin Mai-Thi Nguyen Kim: Der Dialog mit Mai-Thi über ‚Fakt und Fake‘ und die Kunst des wissenschaftlichen Konsenses machte mir neuerlich klar, dass naturwissenschaftliche Methodik und sprachanalytischem Denken so weit nicht entfernt sind, wenn es darum geht, Daten bzw. Begriffe zu differenzieren und ‚scharf‘ zu stellen – um unsere Welt als „kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ besser zu verstehen; um in dieser besser miteinander umzugehen. 

Auf Menschen zugehen, in Dialog treten, um Wissen und (Noch-)Nicht-Wissen zu teilen; zur Aufklärung (statt zur Verdunkelung) beitragen; mit anderen „selbst denken“, statt im Monolog zu verharren; weiter zu denken – das sind nicht nur Werte, für die wbg als größte deutschsprachige Gemeinschaft für Wissen und Bildung steht. Das sind auch für mich ganz persönlich Haltungen, in denen ich mich täglich neu übe, und die ich, so gut ich kann, in jeder einzelnen Folge von „Was sagen Sie dazu?“ nach außen transportieren will. 

2022 ist kein einfaches Jahr. Die großen politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen unserer Welt scheinen überdimensionaler denn je – weil sie näher gerückt sind. Seit dem 24. Februar herrscht wieder Krieg in Europa. Was, wenn auch in unseren Gefilden künftig Hass und Krieg regieren? Wenn wir keine guten Gründe für ein gutes Miteinander mehr fänden – weil wir uns entweder gar nicht betroffen fühlen oder nur in den eigenen Angelegenheiten; weil wir zum Perspektivwechsel zu träge sind – dann gäbe es wohl wenig Grund zur Zuversicht. Wenn wir aber erkennen, dass alle und alles voneinander abhängig sind, weil alle und alles zusammenhängen, können wir hoffen, dass eine bessere Welt möglich ist. Hoffnung ist nicht Sozialkitsch. Ich glaube, Hoffnung und Zuversicht sind immer berechtigt – solange man Hirn und Herz engagiert verbindet. Solange wir uns auf dieser Lebensreise befinden, brauchen immer mehr Hoffnung, mehr (Selbst-)Zweifel und Neugier, als wir glauben. Und viel mehr Liebe.

In diesem Sinne möchte ich Danke sagen. Mein Dank gilt den vielen treuen Hörerinnen und Hörern, Zuschauerinnen und Zuschauern von „Was sagen Sie dazu?“. Mein Dank gilt der wbg, die es mir und uns allen ermöglicht, auch in Zukunft Autor:innen zu erleben, die etwas zu sagen haben, etwas erzählen können. Die uns Mut machen, den unendlichen menschlichen Dialog nie abreißen zu lassen, so schwierig, so konflikthaft er oft sein mag.

Herzlich

Ihre Rebekka Reinhard


Rebekka ReinhardDr. Rebekka Reinhard promovierte 2001 an der FU Berlin über amerikanische und französische Gegenwartsphilosophie ("summa cum laude“). Sie ist Autorin, seit 2019 stv. Chefredakteurin der Philosophie-Zeitschrift HOHE LUFT und seit 2007 als Speakerin für zahlreiche DAX-Unternehmen wie für NGOs. Seit 2020 konzipiert und moderiert sie zudem den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg, dem mit so unterschiedlichen Gästen wie Mai Thi Nguyen Kim, Richard David Precht, Dan Diner oder Joe Kaeser inzwischen Reichweiten-stärksten deutschsprachigen Sachbuch-Podcast. Rebekka Reinhard ist Autorin des Spiegel-Bestsellers „Die Sinn-Diät“ (2009) und vieler weiterer erfolgreicher Sachtitel wie „Odysseus oder die Kunst des Irrens“, „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“ und „Wach denken“ (2020). Ihr neuer Titel „Die Zentrale der Zuständigkeiten: 20 Überlebensstrategien für Frauen zwischen Wollen, Sollen und Müssen“ erscheint am 14. Juni 2022 bei Ludwig.


Die Zentrale der Zuständigkeiten
Zum Buch bei Ludwig​​​​​​

Rebekka Reinhard

Die Zentrale der Zuständigkeiten

20 Überlebensstrategien für Frauen zwischen Wollen, Sollen und Müssen

»Du bist eine Frau. Du bist: Die Zentrale der Zuständigkeiten. Denn du kannst alles. Wer alles kann, ist auch für alles zuständig. Dein Können ist gefragt wie nie. Doch die Sache hat einen Haken. Einerseits willst und sollst du arbeiten, Geld verdienen, durchstarten – andererseits sorgen, lieben, achtsam sein. Der Widerspruch zwischen ›hart‹ und ›weich‹ zwingt dich in den Kampfmodus. Du kämpfst mit deinen eigenen Entscheidungen, Gedanken und Gefühlen; du kämpfst mit den Wünschen, Zielen, Meinungen anderer. Und den Nebenwirkungen: Wut, Stress, Angst, Zweifel. Nackenverspannungen!«

Rebekka Reinhard bietet 20 unerlässliche Strategien für mehr Leichtigkeit; Inspiration und Anleitung, um souverän durch diese widersprüchliche Welt zu navigieren: von Alltagsproblemen bis zur Verwirklichung der eigenen Träume jenseits des Ego-Feminismus.

Kommentare (5)

Lara Hitzmann

Vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick. Sie so von einer anderen Seite kennenzulernen, war sehr interessant. Und vielen Dank für Ihre ausgezeichnete Arbeit als Moderatorin!
Zudem möchte Ich Ihnen hier zu Ihrer Publikation gratulieren, liebe Frau Reinhard.

Rebekka Reinhard

Liebe Lara Hitzmann - ich danke Ihnen und weiß Ihre Anerkennung wirklich sehr zu schätzen!

Merchan Agaricus

Das Buch werde ich meiner Frau schenken, sobald es erscheint.

Rebekka Reinhard

Das freut mich sehr, lieber Merchan Agaricus... ich danke Ihnen und wünsche Ihrer Frau viel Freude bei der Lektüre!

Elisabeth Langer

Unglaublich - schon 50 Podcast-Folgen. Es ist schön, einige dieser Denkanstöße in Ihrer persönlichen Rückschau noch einmal Revue passieren zu lassen und sich an die vielen interessanten Gesprächspartner:innen und Themen zu erinnern. Danke! Für mich waren auch die bisherigen Podcast-Specials echte Highlights - besonders den Dialog mit Richard David Precht und Joe Kaeser habe ich interessiert verfolgt. --- Und die 'Zentrale der Zuständigkeiten' macht mich auch neugierig!


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