Ernst Cassirer: Das Erkenntnisproblem

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Ich möchte Ihnen das vierbändige Werk "Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit" von Ernst Cassirer empfehlen. Dabei habe ich, muss ich sofort gestehen, einen Hintergedanken. Aber mehr dazu später.

Klar, das Buch ist nicht für philosophische Anfänger geeignet. Aber ein Werk von über 2000 Seiten zu einem der kompliziertesten Themen der Philosophie ist natürlich nichts für zwischendurch. Lassen Sie uns ehrlich sein: Es ist Schwerstarbeit. Ich muss oft einen Absatz zweimal lesen und mache mir dabei fleißig Notizen, um den gelesenen Stoff besser zu verarbeiten und festzuhalten.

Also, warum die Empfehlung? Erstens stellt das Thema für mich das Kerngebiet der Philosophie dar. Ob aufgefasst als das Leib/Seele Problem, der Streit zwischen Empirismus und Rationalismus oder sogar das Verhältnis zwischen Gott und Welt, ist dieser Gegensatz immer noch hochaktuell und ungelöst: Die Schnittstelle zwischen Gedanken und Außenwelt bleibt auch für die Forschung zur künstlichen Intelligenz ein großer Stolperstein.

Aber zweitens hat mich das Werk durch die immense Gelehrtheit von Cassirer beeindruckt. Neulich hat ein Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin behauptet, Cassirer genieße den Ruf, "ein zur Umständlichkeit und Langatmigkeit neigender Neukantinaner zu sein". Und ja, die Lektüre (und das bloße Gewicht!) des Werkes bestätigt, dass Cassirer sicherlich Probleme gehabt hätte, über Twitter zu kommunizieren. Ich muss ihn aber in Schutz nehmen. Es gibt Themen, wo man nicht verkürzen soll, und die geschichtliche Entwicklung der Erkenntnistheorie ist sicherlich eines davon. Denn der Stoff ist vom Wesen her abstrakt - er bildet den natürlichen Lebensraum des Abstraktums, könnte man meinen.

Und genau hier punktet die "Langatmigkeit" Cassirers. Wenn alles bei mir gut läuft - wenn ich wach bin, fokussiert und interessiert - dann ist meine Tätigkeit kein bloßes Lesen mehr. Nein, dann habe ich das Gefühl, ich wohne den Gedanken Cassirers bei. Seine Sätze sind lang, seine Erklärungen ausführlich, aber bei Cassirer ist nichts bloße Verzierung oder gar Angeberei, sondern begründete Fachkenntnis. Insofern ist "Umständlichkeit" ein unfairer Vorwurf: Stattdessen wird eher Verständlichkeit gefördert. Zum Beispiel: Dank Cassirer habe ich das erste Mal das Gefühl, Kants "Kritik der reinen Vernunft" einigermaßen begriffen zu haben.

Das Werk wird als hochwertige Werksausgabe sehr preiswert (als Paket) von der wbg angeboten: https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/31073/cassirer-paket-erkenntnis…

Zwei weitere Cassirer-Pakete ("Aufklärung" und "Im Dialog mit Naturwissenschaft") und die Gesammelten Werke (25 Bände) stehen auch im wbg-Program.

Und damit komme ich zurück zu meinem am Anfang erwähnten Hintergedanken: Ich habe die drei Pakete erworben und bin zum Cassirer-Groupie geworden. Aber wie komme ich nun an die anderen Bände, ohne die Gesamtwerke kaufen zu müssen? Es wäre schön, die Möglichkeit zu haben, Einzelbände, oder vielleicht weitere Pakete (z.B. die drei Bände seines Hauptwerks, "Philosophie der symbolischen Formen"), erwerben zu können.

Also, wenn (ein)e Verantwortliche(r) von der wbg diese Zeilen liest und hier vielleicht etwas bewegen könnte, wäre ich sehr dankbar!

Kommentare (1)

Merchan Agaricus

Eine sehr schöne Buchvorstellung, die auf mich persönlich die Wirkung hat, dass ich mich dem immensen Werk von Cassirer nähern möchte. Hinweise darauf bekam ich an unterschiedlichen Stellen, noch nie aber so konkret als Empfehlung für eine Beschäftigung.

Haben Sie vielen Dank, Herr Gardner.


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