Die Feinde

Lilly Kriegbaum • 6 Mai 2022
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Die Feinde

Aus dem Augenwinkel bemerkt sie eine Frau im Raum, ihr ähnlich. Ein Paar braune Augen, funkelnd, tief und einnehmend, für sie nur unauffällig. Lange Haare, dunkel und glänzend, aus ihrer Sicht strähnig und fahl. Ein hübscher Körper, natürlich, in ihren Augen zu viel, zu wenig und vernarbt. "Warum hast du mich verraten?" fragt sie stumm, während sich der Dolch tiefer in den Rücken der anderen bohrt. "Warfst du nicht den ersten Stein?" fragt ihr Gegenüber wütend, während sich der Dolch tiefer in den Rücken der anderen bohrt. "Die Zeit heilt wohl nicht alle Wunden." sagt die erste, und gibt den Dolch frei. "Nein, Zeit alleine wohl nicht." sagt die zweite, und gibt den Dolch frei. Eines Tages wird er herausgezogen, klirrend auf den Boden fallen.

"Vergib mir." flüstert sie und streicht über den Spiegel.

Kommentare (5)

Michaela N.

Ein verzerrtes Selbstbild und oft begleitet es ein Leben lang. Irgendwann ist der Spiegel verdeckt von den den Geschehnissen in unseren Leben und wir nehmen das nicht mehr so wahr auch wenn es immer existieren wird im Inneren. Die Erinnerungen verzeihen nicht.

Leide viel zu oft ist der Feind in uns selber tief verankert.

Ich mag deine Art zu schreiben, ich Hoff das du stört dich nicht.

Eine gewisse Doppeldeutigkeit. Aber es ist ein und die selbe Person gemeint. Der, der nicht versteht, wird zwei Frauen wohl sehen, die anderen vielleicht auch nur eine Person.
Liege ich falsch, so korrigiere mich bitte.
Jedenfalls finde ich den Text sehr gelungen. Funktioniert er doch wie ein Spiegel zu jeden selbst wenn man es zulässt.
Ehrlich und intensiv verstörend. So viel Aussage in ein paar Zeilen.

Lilly Kriegbaum

Hey, du (sehr gerne, das 'du') liegst zumindest in meiner eigenen Art und Weise der Interpretation komplett richtig. Vielen dank für den Kommentar und das große Lob!

Plaus K

Sehr gutes Aufzeigen, dass mensch auch dort Feinde findet wo sie am wenigsten vermutet werden.

Eva M.

Schöne Geschichte, ich mag deinen dunklen Schreibstil immer sehr gerne. Viel Glück im Wettbewerb!

Michael Pfeiffer

Der letzte Satz ist wie eine Tür, die ins Schloss fällt. Der Text ist ein großartiger Aphorismus, sehr gelungen!


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