Georgi Gospodinov, Zeitzuflucht

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Georgi Gospodinov, Zeitzuflucht

Bereits 2020 erscheint der Roman des  Autors Georgi Gospodinov in seinem Heimatland Bulgarien. Heute, zwei Jahre später, liest er sich fast wie eine Prophezeiung.  Ausgangs- und Endpunkt seiner Erzählung ist der 01. September 1939. Ein Tag der Zeitenwende im 20. Jahrhundert. Aber im Roman auch ein Tag mit Signalwirkung, denn die Welt heute „steht auf der gleichen Stufe von Beunruhigung.“(S.33)

Diese Beunruhigung treibt einzelne Menschen und schließlich auch ganze Gesellschaften in die vermeintlich heilere Welt der Vergangenheit.

Was mit einem Projekt für Demenzkranke beginnt, die Ruhe und Sicherheit in Kliniken für  Vergangenheit finden, endet in europaweit abgehaltenen Referenden, in denen sich die Bürger qua Volksentscheid für eine Epoche oder ein Jahr entscheiden sollen, in das sie zurückkehren möchten. Was sich zunächst wie ein großes, spaßiges Reenactment  liest, wird mit zunehmender Lektüre zu einem dystopischen Szenario, das ein bedrückendes Gefühl hinterlässt. Der Ich-Erzähler kann sich gerade noch rechtzeitig aus dem in die sozialistische Vergangenheit zurückgekehrten Bulgarien in ein Kloster in der Schweiz retten und konstatiert illusionslos:

„Ein Großteil der Menschen passt sich, wie es eigentlich immer gewesen ist, unerwartet schnell an, so als hätten sie dreißig Jahre lang geduldig darauf gewartet, dass diese Zeit zurückkehrt. Die alten Gewohnheiten erweisen sich als lebendig und zäh. Und für die, die es nicht gewohnt sind….Bald beginnen die ungläubigen Bürger, die immer noch in irgendeiner demokratischen Trägheit leben (und auch die Jungen) in Windeseile die Arrestzellen zu füllen.“ (S. 246)

Das Buch endet mit dem größten Reenactment des 2. Weltkriegs und wieder erschaudert man als LeserIn. Die aktuellen Parallelen sind zu offensichtlich.

„Zeitzuflucht“ war für mich keine leichte, unterhaltsame Lektüre und es war auch kein Roman mit einer spannenden Handlung, den ich nicht mehr aus der Hand legen mochte. Teilweise konnte ich sogar  immer nur einzelnen Seiten lesen, weil sich das Erzählte erst einmal „setzen“  musste. Der Roman bietet ein wahres Füllhorn an Ideen und Denkanstößen - auch z.B. mit Blick auf den Zeitbegriff und er erzählt viel über Gospodinovs Heimat Bulgarien.

Trotz des teilweise dystopischen Charakters der Erzählung und der Tatsache, dass viele Aspekte des Buchs  zu einem realen Schrecken geworden sind, möchte ich die Lektüre nicht missen. Sie bestärkt, „demokratische Trägheit“ tagtäglich zu überwinden und sie macht sehr deutlich, dass es wichtig ist, immer auch  Vergangenheit mitzudenken, aber nicht im Sinne eines „früher war alles besser“, sondern quasi als „Verständnis-Kompass“  für die Gegenwart.

Am 01. April 2022 strahlte Deutschlandfunk Kultur ein iGespräch mit dem Autor aus: 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/schatten-der-erinnerung-der-grosse…

 

Kommentare (4)

Marcin Lupa

Interessante Rezension, Frau Jung, zumal mein letztes Betreuungskind und dessen Eltern Bulgaren waren.

Gesine Hitschler

Liebe Frau Jung,
dieses Buch ist gewiss eine Herausforderung. Der letzte Absatz Ihrer Rezension ist wichtig: "die demokratische Trägheit" überwiden und die Vergangenheit in de Gegenwart mit einbeziehen. Herzichen Dank für die anregede Buchvorstellung.

Gabriele Jung

Herzlichen Dank Ihnen, liebe Frau Hitschler. Ja, das Buch war in der Tat eine Herausforderung, aber ich merke für mich, dass die Geschichte noch sehr präsent ist, womit sich zeigt, es war eine sehr eindrückliche und „nachhaltige“ Lektüre. Und der Appell gegen jede Form von Trägheit und Geschichtsvergessenheit ist gerade heute an diesem Tag wichtiger denn je.

Gesine Hitschler

Ich bin völlig einig mit Ihnen. Ich habe das Buch vorgemerkt. Viele Grüße ins Rheinland.


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