Heil euch brave Karrenschieber

Thomas Ullmann • 13 Januar 2022
6 Kommentare
Gesamtanzahl der Likes 3 gefällt

Heil euch, brave Karrenschieber…[1]

Mühelos erkennt man den spöttischen Unterton im Gedicht Friedrich Nietzsches, welcher verkrustete und mithin reglose Denkweisen der „braven Karrenschieber“ – mutmaßlich ausgestattet mit Scheuklappen für Ansichten jenseits der gewohnten Überzeugungen - missbilligte.

Nietzsche stritt dafür, „von den kleinlichen Vorlieben für das Gewohnte abzulassen“[2], um aufzuwachen aus dem Tagtraum des lebendigen Tods - denn so verstand er das Dasein des selbstgefälligen Menschengeschlechts.

Der Mensch verrennt sich blindwütig in die eigene Ohnmacht; er steht orientierungslos im Nebel seiner Selbsttäuschung und wird als „funktionierender“ Erdenbürger in den ideellen Erziehungslagern reproduziert[3] - wieder und wieder: „(…) man denkt, schreibt, druckt, spricht, lehrt (…), - so weit ist ungefähr Alles erlaubt, nur im Handeln, im sogenannten Leben ist es anders: da ist immer nur Eines erlaubt und alles Andere einfach unmöglich: so will’s die historische Bildung. Sind das noch Menschen, fragt man sich dann, oder vielleicht nur Denk-, Schreib- und Redemaschinen?“[4]

Notwendigerweise greift Nietzsche hier zum philosophischen Hammer und fordert den Ausbruch aus dem Zuchthaus scheinbar unumstößlicher Prinzipien - „die radikale Ablehnung von Wert, Sinn und Wünschbarkeit“[5] -; so ist die Hörigkeit der Werte mitnichten ein natürlicher, als vielmehr ein kulturell verklärter Vorgang.

Denn die Konsequenzen dieser anerzogenen Hörigkeit sind Prototypen von Auffassungen und Standpunkten, die sich lediglich dadurch unterscheiden lassen, dass sie einem anderen geschichtlichen und kulturellen Umstand entspringen, aber keineswegs einem freien (schöpferischen) Geist. So gilt es Nietzsche, ganz in der Tradition des aufklärerischen Leitspruchs „Sapere Aude“[6], das Joch des stumpfsinnigen Daseins korrumpierender Berieselung abzuwerfen und selbst das Steuer in eine bessere Zukunft zu lenken - frei von Last und offen für Wandel.

Doch obwohl keine Gesinnung den Einzelnen so einschnüren kann, dass er sich nicht zumindest teilweise davon befreit, ist (der lange Prozess der) Veränderung immer auch ein schmerzlicher Bruch mit dem Bekannten.

Diese Anstrengungen gilt es trotz aller Widrigkeiten - die ein Zitat Max Plancks auf den Punkt bringt: „Eine neue (….) Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben (…)“[7] - anzugehen.

Diesbezüglich sollte das mündige Individuum stets kritisch zur Welt stehen, die bisweilen fehlende Distanz zu althergebrachten Konventionen rehabilitieren und beginnen wieder zu hinterfragen und zu staunen: „(…) gerade in der aktuellen Situation ist es vielleicht viel wichtiger die richtigen Fragen zu stellen als bloß Antworten zu entfachen“[8].

Auf die Gefährlichkeit einer solchen sich verselbstständigten Antwort wies seinerzeit bereits der britische Ökonom Ernst Friedrich Schumacher in seinem Werk „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“[9] hin, bei der die anfängliche Fragestellung in ihrem Kern und ihrer Sinnhaftigkeit längst nicht mehr einer kritischen Betrachtung unterzogen wurde. Als fassbares Beispiel nennt er unser unbändiges Bekenntnis zum Wirtschaftswachstum[10], welches bisweilen schon fast obskure Züge annimmt: Wehe dem, der die unfehlbare Logik des Kapitalismus kritisiert.

Schlussendlich sollte man es vorziehen, dass die Mauern des Dogmatismus - zumindest solche, die sich zum inhaltsleeren Selbstzweck geworden sind - durch eine zeitweilige Distanz zur herrschenden Ideologie abgeklopft werden und wenn nötig eingerissen, um denkbare Irrtümer zu überwinden und den Blick freizumachen für alle Perspektiven unserer wechselhaften Welt. Gleichwohl ist nach erfolgtem Zweifel eine Rückkehr auf bereits gegangene Pfade immer möglich, insofern auch der prüfende Blick dahin zurückführt.

Anmerkungen
[1] „…, Stets "je länger, desto lieber", Steifer stets an Kopf und Knie, Unbegeistert, ungespässig, Unverwüstlich-mittelmässig, Sans genie et sans esprit!" (Friedrich Nietzsche: Unter Freunden. Ein Nachspiel, 1882).
[2] Volker Gerhardt in der Fernsehsendung „Sternstunde Philosophie“ vom 12.05.2013.
[3] „(...) so denke ich an das, was sich heute als Biophysik entwickelt, dass wir in absehbarer Zeit im Stande sind, den Menschen so zu machen, d.h. rein in seinem organischen Wesen so zu konstruieren, wie man ihn braucht: Geschickte und Ungeschickte, Gescheite und - Dumme. So weit wird es kommen!“ (Richard Wisser: „Heidegger im Gespräch“, 1973).
[4] Friedrich Nietzsche: „Unzeitgemäße Betrachtungen“, 1873-1876.
[5] Driedrich Nietzsche: „Nachgelassene Fragmente“, 1885-1887.
[6] Zu Deutsch: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Aus dem Immanuel Kants Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ aus dem Jahr 1784.
[7] Aus dem Buch „Wissenschaftliche Selbstbiographie“ (1948), wobei Planck von der „wissenschaftlichen Wahrheit“ sprach.
[8] Slavoj Žižek in der Fernsehsendung „Sternstunde Philosophie“ vom 19.06.2016.
[9] Originaltitel „Small is Beautiful: (A Study of) Economics as if People Mattered“, 1973.
[10] Denn „wer glaubt, dass in einer endlichen Welt unendliches Wachstum möglich sei“, so Kenneth Boulding, „kann nur verrückt sein - oder Ökonom“. Zitiert im Buch „Es reicht! Abrechnung mit dem Wachstumswahn“ des französischen Philosophen Serge Latouche, 2007.

Kommentare (6)

Norbert KNOLL

Ich frage mich die ganze Zeit: Wer hat diesen knorrigen Karren, der vor meiner Haustür steht, gezimmert?

Es muss wohl Generationen vor mir jemand - nicht ein Einzelner sondern eine ganze Gruppe von Leuten - auf die Idee gekommen sein um dann diesen Karren zu bauen. Viele andere haben seither immer wieder etwas ersetzt oder dazugefügt. Die Deichsel war wohl morsch und wurde erneuert. Ein paar Bleche wurden zur Verstärkung angebracht, um sie später - als sie zu rosten begannen - abzuschleifen und mit Rostschutzfarbe zu bestreichen. Auch einige Schrauben, die das ganze zusammenhalten, wurden ersetzt und werden wohl in ein paar Jahren erneut zu ersetzen sein. Als Schutz vor Regen und Sonne wurde nachträglich ein Dach montiert; ist mittlerweile wohl auch schon geraume Zeit her.

Jetzt frag ich Sie, was soll ich an diesem Karren ändern, solange er für die Erwachsenen gelegentlich seinen Dienst tut und die Kinder nach der Schule damit spielen? Den Bürgermeister interessiert es nicht, wie es um den Karren in einer peripheren Ortschaft seiner Gemeinde steht.

Ich könnte den Karren vielleicht mit knallig bunten Farben bestreichen und dadurch ein wenig behübschen? Mehr ist nicht drin, solange nicht die ganze Nachbarschaft zusammenhilft - so wie damals, als der Karren gebaut wurde.

Jetzt frag ich Sie, wie es um den Karren vor Ihrem eigenen Haus steht!

Gute Ideen zu haben, ist heutzutage bei all diesen Leuten kein Problem. Obwohl es schon auch vorkommt, dass das laute nach Aufmerksamkeit heischen und Durcheinanderschreien zu vieler Ideen die Lage nicht verbessert. Man hört ja sein eigenes Wort nicht mehr und man weiß bald nicht mehr, was wirklich Sinn macht und wem man Glauben schenken soll.

Alles ein bisschen komplizierter geworden, seit der Karren gebaut wurde!

Vielleicht helfen die Worte des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares aus dem Buch der Unruhe von Pessoa: "Aber im Grunde wird ohnehin nichts durch irgendetwas verändert. Und was wir sagen oder tun, streift nur die Gipfel der Berge, in deren Tälern die Dinge schlafen."

Vielleicht braucht es aber auch nur mehr Mut zum utopischen Denken und die Überwindung des konservativ-restaurativen Flickwerks, weil jede Zeit ihre eigenen Probleme auf je eigene Weise zu lösen hat.

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Thomas Ullmann

    Sehr geehrter Herr Knoll,

    ich antworte mal ein wenig vorlaut, indem ich behaupte, dass der Karren das ist, was man daraus macht. In ihrem Falle würde ich von einer guten Ausgangslage sprechen, denn das hölzerne Transportmittel scheint, bis auf die Tatsache, dass es seinem Zwecke nach nicht genutzt wird, aber ansonsten in einem ganz passablen Zustand zu sein. Und doch: Farbe hilft sicher.

    Nun, wie geht es meinem Karren? Es stellt sich sehr schwierig dar, die Richtung des Karrens im Wirrwarr angemessen und mit kühlem Kopf zu wählen. Ich bin bemüht und suche Halt im von ihnen beschriebenen „lauten, nach Aufmerksamkeit heischenden Durcheinanderschreien“. Allein ist gestaltet sich schwierig.

    Für Sie und ihre Mitbürger bietet sich eine gemeinsame Nutzung des Karrens als Ort des Austausches oder gar - nach erfolgter vereinter Reparatur - als ebenjenes Transportmittel, das es nun einmal ist, für eine gemeinschaftliche Reise in die kommende Zeit an. Dies wünsche ich Ihnen. Denn ist es nicht das, was uns aktuell zu fehlen scheint?

    Vielen Dank für das tolle Zitat Soares.

    Ich verbleibe mit freundlichem Gruß

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Marcin Lupa

    Ich frage mich oft, welche Alternative Nietzsche angeboten hätte. Sicherlich nicht die von Peter Gast redagierte aus dem "Willen zur Macht". Nietzsche pflegte aus der eigenen Düsternis immer wieder zu erwachen. Vormals gesagtes, revidierte er. Und am Ende wollte er etwas positives sehen, in all unserem Treiben und nicht nur das durch ihn oft zum Ausdruck gebrachte Inferno aus Willen, Begierde, Trieb.

    Ich denke, unserer Gesellschaft bieten sich jede Menge Alternativen. Das Althergebrachte sollte de facto hinterfragt werden, eine Assimilation an die unabwendbaren Verstrickungen ist dennoch unerläßlich.
    Wer lebt, muss sich verpflegen und freut sich auf das Wochenende, wenn es kommt und Erleichterung bringt ("it´s friday I´m in love").
    Wer lebt muss sich kleiden, muss ein Dach überm Kopf haben und muss Mittel zur Fortbewegung nützen. Für das alles braucht man ein Auskommen, also auch eine Arbeit, der man nachgehen kann. Diese sollte einem nicht den letzen Atem rauben, in den meisten Fällen besser bezahlt werden, in wenigen deutlich schlechter (z.B. bei den sogenannten Superstars des Sports und des Films).
    Allerdings hat wer lebt auch eine Wahl, wie er lebt, wie stark er die Umwelt dabei schädigt, welchen Stellenwert bei ihm die Reproduktion hat.
    In unserer Zeit wäre es aus Gründen der Umweltpolitik ratsam die Reproduktion stark einzuschränken, auch wenn die ökonomische Demographie, hierbei in eine Haltung der Angst verfällt und um die Ressource der Arbeitskraft fürchtet. Irgendjemand muss ja für all diejenigen, die bald alt werden - es geschieht schneller als man denkt -, in die Rentenkassen einzahlen.

    Klar, dass es aus Gründen des Umweltschutzes nicht weitergeht, wie bisher und dennoch müssen diejenigen, die am Leben bleiben und es sind verdammt viele, berechtigt bleiben, ihr Leben auch bisweilen zu genießen.
    Dass dabei unweigerlich eine Umwertung der Werte stattfindet, ist eine Tatsache, doch sollten auch humane Werte, demokratische Werte, die unser Zusammenleben garantieren, vieles an ihm erleichtern, bewahrt werden.

    Ich danke Ihnen, Herr Ullmann für ihren guten Denkanstoß und die gute Allegorie auf den Karrenschieber, der durchaus auch ein Sisyphus ist. Das bleibt wohl unser Schicksal.

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Thomas Ullmann

    Sehr geehrter Herr Lupa,
     
    da es keine eindeutige überlieferte Lösung Nietzsches gibt, bin wäre ich ebenso gespannt, wie er eine solche heutzutage formulieren würde.

    Wenngleich uns doch den geringfügigen Hinweis gab, dass wir „in alle Ewigkeit Chaos“ finden. Und dies sicher auch in der Partnerschaft mit Mutter Natur.

    Mit Goethe stimme ich ihrem Hinweis auf den Umweltschutz zu: Alles mit Maß und Ziel. Sicherlich besteht die Erfordernis des Handelns, aber die unumstößlichen Werte des Zusammenlebens und Überlebens aller sollten den Rahmen bilden.

    Und mit "amor fati" nehmen wir es, wie es kommt und wir freuen uns darauf. Lasst uns unser Schicksal lieben, wie es kommt. Hoffentlich hilft diese Einstellung.

    Dazu ein Zitat von Ralph Waldo Emerson, welches sich auch in Nietzsches Aufzeichnung fand, so meine ich:
     
    "Alle Erlebnisse nützlich,
    alle Tage heilig und
    alle Menschen göttlich."

    Mit freundlichem Gruß

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Marcin Lupa

    Sehr geehrter Herr Ullmann,

    da stimme ich Ihnen zu. Im Übrigen sehr befreiend Ihre Ansätze. War mir eine Freude mit Ihnen zu kommunizieren.

    Mit freundlichen Grüßen

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können