Intermezzo auf der Balkanhalbinsel

Bernd-J. Seitz • 19 Mai 2022
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Intermezzo auf der Balkanhalbinsel

 

Eigentlich sollte die Balkanreise mit einem ehemaligen Kollegen, Biologe wie ich, der Auftakt zu einer etwa neunmonatigen Reise durch vier Kontinente sein. Dass alles ganz anders kam, habe ich schon im Blog zu meiner Afrikareise geschildert (Uganda – Auftakt einer großen Reise). Damals hatte ich noch die vage Hoffnung, dass ich mit der Transsib zumindest bis in die Mongolei komme und danach meine Reise über Südostasien, Australien und Neuseeland fortsetzen kann. Warum sich das zerschlagen hat, brauche ich nicht näher zu erläutern.

Trotzdem wollte ich die Balkanreise nicht fallen lassen, unter anderem, da ich mich näher mit dem „Grünen Band Europa“ (European Green Belt) beschäftigen wollte, auf das ich in meinem Buch Das Gesicht Europas ausführlich eingegangen bin. Dieses „Grüne Band“ hat eine Gesamtlänge von rund 14 000 km und reicht dabei vom Eismeer im Norden Norwegens bis zum Schwarzen Meer an der Grenze zur Türkei, wobei es durch 24 europäische Staaten verläuft. Das „Grüne Band Europa“ wurde in vier Hauptabschnitte unterteilt, um eine leichtere Koordination zu ermöglichen. Am Dreiländereck von Österreich, Slowenien und Ungarn zieht sich das „Grüne Band“ entlang der kroatisch-ungarischen und weiter zur serbisch-rumänischen Grenze. An der serbisch-bulgarischen Grenze geht es über die Berge der Stara Planina und die anschließenden Bergzüge weiter. Entlang der Grenze zwischen Nordmazedonien und Griechenland verläuft eine Abzweigung vorbei am Ohrid- sowie am Großen und Kleinen Prespasee nach Albanien. An der Grenze zwischen Albanien und Montenegro erreicht das „Grüne Band“ mit dem Korab-Gebirge seine höchste Erhebung (2753 m). Zwei Abstecher zur Adria gibt es noch im Norden und Süden Albaniens. Der Hauptverlauf folgt der Grenze von Bulgarien zu Nordmazedonien, Griechenland und zur Türkei.

Zu Beginn unserer Reise ging es noch um ein anderes einzigartiges Schutzprojekt: Im September 2021 entstand Europas größtes Flussschutzgebiet entlang der Flüsse Mur, Drau und Donau. Das 9300 km² große Gebiet umfasst 13 einzelne Schutzgebiete und erstreckt sich von der südlichen Steiermark über Slowenien, Ungarn und Kroatien bis nach Serbien. Es ist das weltweit erste Biosphärenreservat, an dem fünf Länder beteiligt sind.

Eines der zentralen Bereiche dieses Schutzgebiets ist der Zusammenfluss von Drau und Donau in der Nähe der ostkroatischen Stadt Osijek, der Naturpark Kopački rit. Das Gebiet grenzt an den ungarischen Nationalpark Duna-Dráva und an ein Naturschutzgebiet in Serbien. Gleich zu Beginn unserer Stippvisite begegnen wir dort etlichen Europäischen Sumpfschildkröten.


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Die Europäische Sumpfschildkröte ist Europas einzige Wasserschildkröte.

Nicht weit von Kopački rit überqueren wir die Grenze nach Serbien und besuchen den Nationalpark Fruška Gora, ein kleines Mittelgebirge am rechten Ufer der Donau südlich von Novi Sad in der serbischen Provinz Vojvodina, dessen naturnahe Wälder im Mai durch ihr frisches Grün erfreuen. In Serbien bleiben wir nur zwei Tage, da wir gespannt sind auf einen der zentralen Knotenpunkte des Grünen Bands Balkan, den Ohridsee sowie den Großen und Kleinen Prespasee im Dreiländereck Nordmazedonien-Albanien-Griechenland. Vorher besuchen wir aber noch den Mavrovo-Nationalpark im Nordwesten Mazedoniens. Im Infozentrum des Nationalparks erfahren wir, dass in dem etwa 700 km² großen Gebiet um die 15 Balkanluchse und über 300 Braunbären leben! Davon begegnet uns allerdings keiner, dafür erfreuen wir uns an der Frühjahrsvegetation mit zahlreichen Krokussen der Art Crocus scardicus, die nur in einem eng begrenzten Gebiet vorkommt.


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Die Krokusart Crocus scardicus hat keinen deutschen Namen und kommt nur in einem eng begrenzten Gebiet vor.

Der Ohridsee an der Grenze zwischen Albanien und Nordmazedonien, der zweitgrößte See der Balkanhalbinsel, ist der älteste noch existierende See Europas, auch wenn er mit etwa 1,4 Mio. Jahren nicht ganz so alt ist wie früher vermutet. Im Dreiländereck Albaniens, Mazedoniens und Griechenlands liegt der Nationalpark Prespa mit dem südwestlichen Teil des Großen Prespasees und dem Kleinen Prespasee. Er war das Resultat von Bemühungen auf allen drei Seiten der Grenzen, das insbesondere für Zugvögel bedeutende Gebiet besser zu schützen. Seit 2014 gibt es das grenzüberschreitende Biosphärenreservat Ohrid-Prespa gemeinsam mit Nordmazedonien, in das neben den beiden Prespaseen auch der nordwestlich davon gelegene Ohridsee mit seiner Umgebung einbezogen wurde. Im Ohridsee leben zehn, in den beiden Prespaseen acht endemische (nur dort vorkommende) Fischarten. Auch die weltweit vom Aussterben bedrohten Krauskopfpelikane profitieren vom außerordentlichen Fischreichtum der Seen. Mehr als 1000 Paare brüten am Kleinen Prespasee – das ist die weltweit größte Brutkolonie dieser Art.


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Die nordmazedonische Stadt Ohrid und der Ohridsee gehören seit 1979 zum UNESCO-Welterbe.

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Blick vom griechischen Ufer des Kleinen Prespasees auf den Kleinen und Großen Prespasee.

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Krauskopfpelikan auf dem Kleinen Prespasee

Wir bleiben 4 Tage in der Ohrid-Prespa-Region und besuchen die drei Seen in den drei Ländern Nordmazedonien, Albanien und Griechenland. Am letzten Tag treffen wir im zwischen Ohrid- und Prespasee liegenden Nationalpark Galičica-Gebirge Daniela Zaec von der Macedonian Ecological Society und Dejan Dimidjijevski von der Verwaltung des Galičica-Nationalparks. Die beiden stellen uns das Schutzgebiet vor und berichten über ihre Projekte. „In diesem Tal gibt es 65 Baumarten“, erläutert Dejan Dimidjijevski begeistert, „das ist für Europa einmalig. Das Gebiet ist ein Hotspot der Biodiversität.“ Über die Projekte sagt Daniela Zaec: „Das Schönste daran ist, dass die Naturschützer aus allen drei Ländern hervorragend zusammenarbeiten“.


SeitzDr. Bernd-Jürgen Seitz ist promovierter Biologe und war Leiter des Referats Naturschutz und Landschaftspflege im Regierungspräsidium Freiburg. Seine beruflichen Schwerpunkte bzw. Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Biotop- und Artenschutz, der Geobotanik und der Landschaftsgeschichte.

 

 

 


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Kommentare (1)

Ernst Stegmaier

Hallo Bernd und Wolfgang,
unbekannter Balkan, wohl für Viele, aber um so schöner!
Noch weitere tolle Erkundungen!
LG Ernst


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