Lesch/Kamphausen, Über dem Orinoco scheint der Mond

Rita Weißenberger • 30 April 2022
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Von dem gerade erschienenen Buch von Harald Lesch und Klaus Kamphausen ‚Über dem Orinoco scheint der Mond‘ bin ich sehr begeistert.

Das Buch beginnt wie ein Abenteuerroman: Harald, Neil, Alexander und Hannah campen am Ufer des Orinoco für eine Nacht, erleben so die Natur hautnah. Sehr dicht wird die Urwaldatmosphäre beschrieben. Man fühlt sich mittendrin im Urwald, spürt den Regen auf der Haut, bewundert mit ihnen die Schönheit des aufsteigenden Vollmondes. Schließlich flüchtet die Gruppe vor den Moskitos ins Zelt. Am Ende, nach einer langen Nacht der Diskussionen, werden die Freunde mutig, und obwohl sie wissen, welche Strapazen sie erwarten, aufbrechen zur Weiterfahrt auf dem Orinoco.

Im Bild gesprochen wird in der Nacht im Zelt diskutiert über die Natur des Menschen und über die Frage: Warum?

Warum ändern wir Menschen unser Verhalten, unseren Umgang mit der Welt nicht radikal und sofort, „dass das Leben von uns Menschen und der Erhalt unseres Lebensraumes auf diesem Planeten nachhaltig gesichert sind“ ( aus dem Vorwort, S.7/8 ). Nach allem, was wir von der Wissenschaft hören und in den Medien zu sehen bekommen, müssten wir doch eins und eins zusammenzählen können. Fehlt es uns an Mut, an Einsicht, an Zeit, an Vorstellungskraft, an Ambiguitätstoleranz, an Empathie?

Harald Lesch und Klaus Kamphausen stellen sich diesen Fragen in 14 Kapiteln, nehmen dabei sehr unterschiedliche Perspektiven ein von ganz außen (Neil Armstrong) bis ganz mitten drinnen (Alexander von Humboldt), befragen Philosophen durch die Jahrhunderte und Kulturen hindurch (z.B. Mengzi, Schopenhauer, Arendt, die afrikanische Ubuntu-Philosophie, Hans Jonas ), tragen Forschungsergebnisse aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft (z.B. Physik, Neurobiologie, Entwicklungspsychologie ) zusammen, lassen auch die Frage nach Gott nicht außen vor. „Denn es geht uns im Kern darum, das Diktum der puren Ratio hinter uns zu lassen und dem Gefühl neuen Platz und Bedeutung einzuräumen.“ ( Vorwort S.8 )

Mir scheint, was Corine Pelluchon in ihrem wunderbaren Buch: ‚Das Zeitalter des Lebendigen‘ als neue Aufklärung entwickelt, stellen Klaus Kamphausen und Harald Lesch in ‚Über dem Orinoco scheint der Mond‘ mitten in unser konkretes Leben, sehr anschaulich und leichter verdaulich durch die Dialogstruktur des Textes. Man sitzt quasi mit im Zelt und diskutiert in der Imagination mit, spiegelt die eigenen Erfahrungen von Mitwelt und Selbst am Gesagten.

Dieses Buch redet Klartext - wieder, wie schon ‚Die Menschheit schafft sich ab‘ und ‚Wenn nicht jetzt, wann dann?‘ dieser beiden unermüdlichen Mahner.

Dieses Buch ist eine Zu-Mutung, weil es uns Mut zuspricht, auf einander zu zu gehen, miteinander ins Gespräch zu kommen, unseren Träumen wieder Raum und Zeit zu geben, weil es Mut zuspricht aufzubrechen in ein neues Zeitalter und dabei bei uns selbst, der eigenen Lebenseinstellung und -führung zu beginnen.

Hoffentlich findet dieses in vielerlei Hinsicht bewegende Buch viele Leser und vor allem Gehör quer durch unsere Gesellschaft.

 

Harad Lesch, Klaus Kamphausen, Über dem Orinoco scheint der Mond. Warum wir die Natur des Menschen neu begreifen müssen, um die Welt von morgen zu gestalten., Penguin Verlag, München 2022

Kommentare (1)

Frank Zarrentin

Liebe Frau Weißenberger, haben Sie vielen lieben Dank für diese Empfehlung. Für mich bedeutet diese Empfehlung nun: Pflichtkauf. Und danke extra für Ihr rübergebrachtes Herzblut für das Thema an sich. Ein großes Dankeschön aus Berlin. Frank Zarrentin


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