Nietzsche, der Nihilismus und Lebenssinn

Hendrik Fleischmann • 13 September 2020

Nicht nur das Bildnis Friedrich Nietzsches opulenten Schnurrbartes hat die Zeiten überstanden; noch viel mehr hat es sein radikales Denken – sein Denken, das alles bis dahin Bestehende zermalmte; sein Denken, das „alles Stehende und Ständische verdampft[e]“ um es mit Marx auszudrücken – ein gedanklicher Opponent des kränklichen Naumburgers. Nietzsche selbst war Dynamit – wie er es auch selbst ausdrückte; die Druckwelle spüren wir noch heute – ob wir es nun wollen, oder nicht. Von der Decke unseres Alltagsverstandes, unserer Weltanschauung (- Freud; ebenso von Nietzsche beeinflusst) bröckelt der Putz hinab – denn ist nicht vieles von dem, was wir unserer kleinen Lebenswelt so taktvoll orchestriert haben nur eine gedankenlose Fassade? Ist nicht das teure Auto  – nur oberflächlich freilich ein Mittel, um den grimmigen Nachbarn zu beeindrucken – ein monadisches Therapeutikum? Therapieren wir uns nicht mit allerlei materiellen Mittelchen selbst, um das fundamentale Fehlen jeglicher Über-Determination unserer Existenz zu vergessen – haben wir nicht mit dem Tod Gottes alle unseren Halt verloren, unseren Platz in dieser zufälligen Existenz? Sicherlich: Nietzsches Format passt nicht in jedem Aspekt in die Winkel einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts – und sicherlich: Die Konzeption des Übermenschen als Überwinder jedweder normativer Barrieren mag im Zeitalter der liberalen Demokratie wenig Zustimmung finden. Der Aufstieg des europäischen Nihilismus, der Tod Gottes – metaphorisch auch für den Tod eines essentiellen (das heißt: der Existenz vorangehenden) Lebenssinnes -, ist mitnichten dadurch geheilt, dass man Nietzsche als „braunen“ Halunken in den Mülleimer der deutschen akademischen Philosophie platziert (glücklicherweise hat sich diese Tendenz seit den 80er wieder verändert) – auch im Sinne der persönlichen, psychologischen Erfülltheit (Nietzsche selbst war sicher genauso Psychologe, wie er Philosoph war) will ich mit diesem Essay also Folgendes versuchen: Ich denke, dass die Diagnose des europäischen Nihilismus heute zutreffender ist denn je – als Verlust überindividueller Rahmen, als Verlust eines präexistenten Lebenssinnes; zweitens ist ein solcher „Lebenssinn“ aber gerade das, was ein Leben überhaupt erst lebenswert macht und drittens ist gerade im Fehlen eines solchen Lebenssinnes selbige Symptomatiken einer Gesellschaft begründet, die doch eigentlich alles hat.

 

„Was wäre denn zu schaffen, wenn Götter – da wären?“

Ecce Homo, „Also sprach Zarathustra“, Abschnitt 8

 

Nietzsche selbst sah sich mitnichten selbst als einen „Übermenschen“ – welchen Typus auch immer; wie sein Alter-Ego Zarathustra, war er nur sein Verkünder – im Grunde also ein Sprachrohr, ein Megafon für die Menschheit; als Sprachrohr, als Lehrer tritt Zarathustra auch selbst auf, just als er zu Beginn des ersten Teiles vom Berg hinabsteigt um den Dorfbewohnern den Übermenschen zu lehren. Als Nietzsche „seinen Zarathustra“ schrieb, war er gerade von Lou Salome verlassen worden; mit ihr gegangen war sein langjähriger Freund Rée, der mit ersterer nun in Berlin in einer Art WG hauste – Nietzsche fühlte sich betrogen und gedemütigt. Über den gesamten Winter 1882/83 war er bei fürchterlicher Gesundheit – er konsumierte Opium in größeren Mengen (die Rezepte dafür fälschte er sich selbst; die italienischen Apotheker gaben ihm beinahe alles), war kaum fähig sich zu erholen, war suizidal: „ein Pistolenlauf ist mir jetzt eine Quelle relativ angenehmer Gedanken“ (Prideaux, 2020).

Nachdem er Zarathustra (der Name ist dem persischen Religionsgründer Zoroaster entlehnt) bereits in die Fröhliche Wissenschaft angekündigt hatte, entsprang also in jener unglücklichen Lage der erste Band seines Opus Magnum. Alle Götter seien tot, „nun wollen wir, dass der Übermensch lebe“ – der Übermensch ist also ein solches Individuum, dass dem sinnlosen Leben wieder Sinn einzuhauchen vermag; sinnlos weshalb? Mit dem Materialismus des 19. Jahrhunderts gipfelt ein Prozess, welcher mit Sokrates begann; ein Prozess des Verfalles. Ein Prozess der Dekadenz. Mit Platon nämlich – dem Größten der Schüler des Weisen aus Athen -, sei die Objektivität als Ideal in die Gedankenwelt der westlichen Gesellschaft implementiert worden; man mag sich an die platonischen „Kategorien“ erinnern – überindividuelle, überzeitliche metaphysische Entitäten. Aufgegriffen vom Christentum schließlich, zerbrach er mit der europäischen Aufklärung, zerschellte er an den Klippen der Vernunft – jene Vernunft aber ist selbst nur eine Ersatz-religion; der als historischer Prozess damit entstandene Nihilismus ist der Verlust aller Werte – der Verlust von Gott, der Verlust objektiver Moral, der Verlust schließlich der eigenen Rolle. Die überkommene Weltauffassung wird entwertet, zerbröselt – das Ende der Religion verknüpft sich mit dem Ende der Metaphysik überhaupt; Resultat der Renaissance und der Aufklärung ist die Herrschaft der Ratio – wohl aber auch die Logik der décadence, die Sklavenmoral, die Desorientierung. Es ist jene Haltlosigkeit, die sich damit im (europäischen) Nihilismus verdichtet: „Was bedeutet Nihilismus? Dass die obersten Werthe sich entwerthen.“ (KSA XII, 350). Selbstmord scheint die logische Folge, die einzige Flucht aus einer entweihten Welt zu sein; ohne eigene Essenz, ist auch die eigene Existenz ja nicht zu begreifen – wohl vor allem nicht für jene, welche sich ihr Fundament aus jenen normativen Bruchstücken ja selbst zusammen gezimmert haben. Wohl vor allem nicht für jene, welche – als Teil jener Sklavenmoral – sich in einem sozialen Netz verheddert haben, welches zu keinem Ausweg winkt. Wie in CarpentersSie Leben“ (1988) erscheint das Bildnis der Welt, betrachtet durch die Brille des Nihilismus, erstmals wie es ist; sinnentleert und karg, leiderfüllt und gnadenlos.

 

„Wäre die Existenz einer [metaphysischen] Welt auch noch so gut bewiesen, so stünde doch fest, dass die gleichgültigste aller Erkenntnisse eben ihre Erkenntnis wäre: noch gleichgültiger als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntnis von der chemischen Analysis des Wassers sein muss“

Menschliches, Allzumenschliches. Von den ersten und letzten Dingen. Abschnitt 9.

 

Als Ausweg – als Scheinausweg – bieten sich freilich eine ganze Menge verschiedenster Gedankengebäude an; der Glaube des Wissenschaftlers an die „Objektivität“ des Forschens, der Glaube des Moralphilosophen an den ethischen Realismus. Albert Camus – Co-Spitze des französischen Existentialismus – hat selbige Fragestellung, wenn auch nicht direkt mit nietzeanischem Bezug, in seinem berühmten Essay Der Mythos des Sysiphos ebenso aufbereitet: In der völligen Zweck-und Sinnlosigkeit der Welt, erscheint das Leben selbst – die Geburt und der Tod – als vollkommene Absurdität; in der Spannung zwischen Sinnsuche und Sinnwidrigkeit erscheint das moderne Subjekt wie in der Mangel seiner selbst. Die Absurdität zu erkennen ist eine Sache – das heißt den Tod Gottes als solchen zu akzeptieren -, ihn zu leben, mit ihm zu leben eine ganz andere; ein irrationaler Sprung (saut) scheint Abhilfe zu bieten – Husserl ersetzt den Gott des Monotheismus durch ein metaphysisches Abstraktum, Kierkegaard taucht sich in das Christentum als solches. „Dieser Sprung ist heimliches Ausweichen“, ein Weglaufen vor der Absurdität – ein Weglaufen schließlich, vor dem Nihilismus. Sprünge solcher Art sind mitnichten nur in geisteswissenschaftlichen Bezügen anzutreffen – wir finden, in der Aufsplitterung der Gesellschaft in funktionale Teilbereiche, Sprünge fast jeder Couleur; das Leben wird (in einem phänomenologischen Sinne) sinn-voll durch Tradition (etwa Dorffeste), Politik (als Illusion des Voranbringens der „richtigen“ Werte), Spiritualismus (das Leben durch den Rat der Verstorbenen etwa richtig zu lenken), Astrologie (als Erklärungsrahmen für Charaktereigenschaften oder spezifische Geschehnisse) oder in objektiven Weltanschauungen, etwa den zeitgemäßen neuen Atheismus.

Der Atheismus etwa mag rationale Grundpfeiler haben – Rationalität ist aber schließlich selbst nur eine individuelle Projektion, eine unzulässige Verallgemeinerung egoistischer Triebe, verinnerlichter Instinkte; der Atheismus selbst ist der Religion damit ähnlicher als Dawkins und co. je zugeben würden – sie alle vertrauen auf den Großen Anderen (Lacan), vertrauen auf größere Instanzen, auf höhere Autoritäten. Der Gott selbst ist damit austauschbar – Ideale, Kategorien und Ideen sind menschliche Interpretationen, es gibt keine Wahrheit, nichts ist nämlich wahr; es gibt kein „gut“, kein „schlecht“. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“.

Versagen also alle vermeintlich sinngebenden Instanzen, so wird die eigene existentielle Leere mit Therapeutika aller Art narkotisiert: Übermäßiger Alkoholkonsum, geisteslose Sexualität, Glücksspiel – die Liste ließe sich endlos fortführen. Wir finden die Sinnlosigkeit als Basis für die krankhaften Zuckungen unserer Gesellschaft in jedem Winkel, in jeder Gasse; die hässliche Fratze der Sinnlosigkeit verkleidet sich in der postmodernen Welt des Konsums: Wir protzen mit Markenklamotten, aber kaufen sie nur als Mittel zum Zwecke der sozialen Anerkennung. Wir suchen die Gefahr; Adrenalin soll uns betäuben. Depression ist weniger chemisch fundiert, als existentiell konstruiert; in der Welt des Neurotikers erscheint die Welt entspiegelt, erscheint der Sinn verloren – verloren im Sinne aber, von im Grunde niemals wirklich gefunden. Die gegenwärtige Opiumepidemie in den Vereinigten Staaten von Amerika mag in der übermäßigen Verschreibung potentiell stark abhängig machender Schmerzmittel begründet sein – doch ist die Opioid Sucht mitnichten die einzige: Die Zahl der Drogentoten ist im Gesamten gestiegen – mit dem Wegbrechen der Versprechen des industriellen Kapitalismus ab den 70er Jahren, mit dem Verpuffen kapitalistischer Aufstiegsversprechen lichtet sich der Nebel des Sinns.

Wir finden die Menschen, die scheinbar alles haben – und doch haben sie nichts; und doch, ist ihr Leben eine synthetische Identität in einer zerfallenden Welt. Wir haben nicht Angst vor dem Tod, weil er unser Leben beendet; wir fürchten doch, falsch gelebt zu haben (Jaspers).

 

„Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer tut das.“

Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, 12.

 

Wir finden den Sprung im rasanten Aufstieg der „Glücksindustrie“ – Glücksseminare, Glücksworkshops, Glücksratgeber. Das eigene Lebensglück ist Gegenstand der eigenen Anstrengung; im Glücklich-Sein erscheint man Platz zu finden – was man mag, das will man vermehren. Mit der richtigen Einstellung will man das Glücklich-Sein lernen können, mit dem richtigen Coach sein Leben endlich genießen – die eigene Psyche ist eher Hindernis, als Hilfe; richtig konditioniert, kann man sich selbst an die „Wohlfühlmaschine“ anschließen. Im Rückzug in das eigene Erleben, scheint man die Welt im Griff zu haben – Glücklich-Sein als niemals endende Reise; glücklich sein, als sinngebendes Projekt.

Was aber, wenn das Glück versiegt? Was, wenn die absurde Lebensrealität die Tyrannei des neuen Über-Ichs einholt? Wie bei jedem Sprung, so läuft man in Gefahr irgendwann dann doch auszurutschen; zurückzufallen, in die Klippe des Nichts. Letzten Endes ist die Moderne geprägt von einem inneren, geistigen Verfall – wie auch immer man es zu überstreichen versucht: Letzten Endes ist das Leben, alles Leben sinn-und zwecklos; alles Leben ein sinnloses Chaos; was vermag uns – den „letzten Menschen“ - nur zu retten?

 

„Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie?“

Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, 12.

 

Verfallen die alten Werte, so bedarf es schließlich neuer – der Übermensch ist der, der sie begründet; nur der Übermensch kann damit den Nihilismus (über)leben, den Tod Gottes verkraften. Der Mensch nämlich, ist „Etwas, das überwunden werden soll […] Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.“

Der Übermensch überwindet die Lebensfeindlichkeit der Pessimisten, welche die Sinnlosigkeit der Welt erkennen, sich aber in ihr ergötzen (der Schopenhauerischen Philosophie, welche Nietzsche in seiner Jugend sehr beschäftige, setzt er damit seinen eigenen Vitalismus entgegen); er setzt sich hinweg über die Moral der „Schwachen“, er bejaht das Leben, er setzt sich selbst an die Stelle Gottes; er gibt sich selbst den Sinn, welche alle Instanzen ihm versagten. Er ist die absolute Verehrung des Lebens, die Verwirklichung des Dionysischen.

 

„Du sollst werden, der du bist.“

Die fröhliche Wissenschaft, Buch III, Abschnitt 270

 

Nun müssen wir nicht Nietzscheaner sein, um die Diagnose zu bestätigen; wir müssen in der Tat nicht das Konzept des Übermenschen, die Ethik der Aristokratie, den individualmoralischen Gedanken in all seinen Verästelungen verinnerlichen und leben – wichtig war mir in diesem ersten Akt die Darstellung der nihilistischen Gesamtsituation; der Übermensch, der nietzscheanische Vitalismus, ist eine Therapie – ist damit eine Funktion. Wie eine Krankheit aber meist nicht nur auf einem Wege behandelbar ist, so verhält es sich wohl auch mit der Epidemie der Sinnlosigkeit; eine zweite Perspektive erscheint also fruchtbar.

Viktor E. Frankl – Neurologe und Psychoanalytiker - nämlich machte eine ganz ähnliche Entdeckung; freilich aus anderem Umständen heraus. Da er jüdischen Glaubens war – wie auch seine Familie und Ehefrau – wurde er 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Sein Vater, seine Mutter und seine Frau überlebten die Shoah nicht. Als Psychiater wurde er – auch während der Lagerhaft – nicht müde, seine Beobachtungen zu dokumentieren; verdichtet finden wir sie in „trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“. Auch Frankl war, ebenso wie Nietzsche, mit dem Nihilismus konfrontiert; wie auch Nietzsche erlebte er das Leiden aus erster Hand – natürlich ein wesentliches anderes Leid, als der von Krankheiten drangsalierte „Philosoph mit dem Hammer“. Die Häftlinge, welche ihren Sinn verloren hatten (etwa den Gottesglauben; wie denn sollte ein „guter Gott“ die Shoah zulassen?), hatten freilich wenig Grund, das Leiden lange durchzustehen – wozu auch? Nicht Leiden als solches erscheint barbarisch – eher ist es doch das Leiden, welches jedem Sinn entleert ist. „Wehe dem, der kein Lebensziel mehr vor sich sah, der keinen Lebensinhalt mehr hatte, in seinem Leben keinen Zweck mehr erblickte, dem der Sinn des Daseins entschwand – und damit jedweder Sinn eines Durchhaltens“ (zitiert nach „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“, 172). Jene Lagergenossen aber, welche sich – in einer Lage völliger äußerlicher, externer Sinnesleere – selbst einen Sinn zu geben vermochten, selbst ihrem Leben einen Wert verleihen konnten; jene Häftlinge erblickten einen Sinn, auch im Leide. Der Vater etwa, dessen Kinder zu Hause auf ihn warten. Der Wissenschaftler, der eine Buchreihe noch zu Ende bringen will. Der Sänger, dessen sehnlichster Wunsch es ist, noch ein letztes Mal aufzutreten. Alle diese Menschen sind vereint in einem individuellen Lebenssinn – sie entwachsen der misslichen Lage, sie leben das Leiden, sie bejahen das Leben.

Der Lebenssinn ist damit weniger, was man selbst vom Leben zu erwarten hat; umgekehrt wird ein Schuh draus! Wichtig ist doch, was das Leben von uns erwartet – so wartet doch für jeden etwas, dass nur man selbst bewerkstelligen kann; mag es das wissenschaftliche Werk sein oder das familiäre Leben. Der Mensch selbst ist der Befragte. Die Unvertretbarkeit und Unersetzlichkeit jedes Einzelnen ist, was das Leben als Ganzes beleuchtet – mit Nietzsche können wir sagen, dass durch den Tod Gottes Sinnfindung lebensnotwendig geworden; gegen Nietzsche, dass nicht nur der biologisch entsprechend ausgerüstete Mensch selbiges erreichen kann.

Auch der reinen Lust, des Lebensglücks gegenüber ist Frankl damit skeptisch: „Wollen wir wirklich in der puren Lust den ganzen Lebenssinn sehen, dann müßte das Leben letzten Endes sinnlos erscheinen. Wäre Lust wirklich der Sinn des Lebens, dann hätte das Leben eigentlich gar keinen Sinn. Denn was ist Lust schließlich? Ein Zustand“ (ebd., 223). Der Mensch, mag einen Willen zur Macht haben – darüber hinaus, aber auch einen Willen zum Sinn.

Der „Übersinn“ schreitet dem Sein voran – wie ein Stern, vermag er unseren Weg zu beleuchten; er ist „Schrittmacher des Seins“ (Frankl). Mit ihm schließlich können wir die Existenz in ihrer Gänze bejahen; Leben, das heißt eben auch leiden –„zu überleben heißt, einen Sinn im Leiden zu finden“. Auch in einer völlig sinnlosen, in einer völlig chaotischen, absurden Lebenswelt liegt es dennoch an uns, unserer Existenz selbst einen Sinn zu geben; es liegt an uns, nicht am Nihilismus und seinen feinen Spuren festzukleben – das Leben: es soll bejaht werden. Mit Nietzsche können wir unsere Welt erkennen, mit ihm (oder Frankl, oder viele Weitere) ihr einen Grund geben. Auch wenn Gott gestorben ist - Gott und die Wahrheit – so wollen doch wir leben. Wir wollen „Dichter unseres Lebens“ sein.

 

„Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluss des Lebens schreiten musst, niemand außer dir allein.“

Unzeitgemäße Betrachtungen, Schopenhauer als Erzieher, Abschnitt 1

 

 

 

 

Nachwort:

Nietzsche hat mal geschrieben, dass die „schlimmsten Leser die sind, welche wie plündernde Soldaten verfahren: sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen können heraus, beschmutzen und verwirren das Übrige […]“ – ich hoffe, dass ich selbiges hier nicht gemacht habe; ich halte Nietzsche für einen guten Diagnostiker und für sehr brauchbar im Sinne der „Existenzanalyse“. Ich will noch anmerken, dass ich selbst keine philosophische Ausbildung habe – ich bin 18 Jahre alt; noch kam ich nicht dazu. Dennoch wollte ich mein privates Nietzsche Bild hiermit etwas offenbaren – ob es mir gelungen ist, das kann ich nicht sagen: Nietzsche war es aber, der mich – und vermutlich viele andere auch – überhaupt erst zur Philosophie gebracht hat. Das werde ich ihm für immer schuldig bleiben.

 

 

 

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