Nika-Aufstand, 18.01.532; Teil 3/3 - Abschluss

Luca Rosenboom • 18 Januar 2022
Diskussion in der Gruppe Geschichte
5 Kommentare
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Wer war denn nun verantwortlich für den Aufstand? Das wird vermutlich niemand mehr klären können, doch gibt es einige Ansätze, die Plausibilität für sich beanspruchen können.

Die ältere Forschung scheint darin übereinzustimmen, dass der Aufstand lediglich zufällig in diesem Ausmaße geschehen, nicht aber Justinian in Erscheinung getreten sein soll. So sieht sie die Ursache viel mehr in dem Bestreben der Zirkusparteien, ihre Forderungen durchzusetzen, die bis zur zweiundzwanzigsten Runde des Wagenrennens jedoch von Justinian ignoriert wurden, weshalb sich die Blauen und Grünen zusammenschlossen, um gegen den Kaiser vorzugehen.

Meier hingegen sagt, dass einzig und allein Justinian als Akteur in seinem Wirken versucht hat, diesen Aufstand zielbewusst herbeizuführen, um die Opposition (bestehend aus Parteimitgliedern, der Senatsaristokratie, sowie den Neffen des Vorvormaligen Herrschers Anastasios I.) in Erscheinung treten zu lassen und sie in der Folge auszuschalten. Bereits zu Beginn seien zwei Mal die Galgen gebrochen – und das wohlgemerkt paritätisch bei einem Grünen und (!) einem Blauen. Wenn man dies weiterdenkt, so scheint klar, dass sich die Parteien zusammenschließen und die Verurteilung beim Kaiser aufheben wollen, da Gott, so dachte man, ein Zeichen gegeben hat. Hätte Justinian das Volk in den darauffolgenden Wagenrennen besänftigen wollen, so hätte er dies bestimmt getan und eine Freisprechung der Hinzurichtenden eingeleitet.

Pfeilschifter hingegen erklärt, dass Justinian an den zwei Tagen nach den Akklamationen und der Vereinigung am Dienstag nicht recht gewusst habe, wie er weiter verfahren solle, weshalb die Ereignisse erst am Samstag, besser: am Sonntag, ihren Lauf nahmen. Ich vermag dieser Aussage insofern nicht zuzustimmen, dass, wenn Justinian schon dann gehandelt und den Aufstand auf offenem Feld – also in den Straßen Konstantinopels – niederzumetzeln versucht hätte, er vermutlich nicht so schnell (und ohne größere Verluste) siegreich gewesen wäre, wenn überhaupt. Im Hippodrom, also auf vergleichbar engem Raum, waren die Möglichkeiten und Chancen wesentlich größer, einen Kampf zu gewinnen. Der Aufstand hingegen, so ist Pfeilschifter zuzustimmen, sei trotz der Darstellung in den Quellen nicht als eine ausgeklügelte Aktion verschworener Senatoren zu sehen.

Nachwirkung

Der Nika-Aufstand veranlasste Justinian, seine gottgleiche Stellung zu untermauern und zu verteidigen, indem er ihn gewaltsam niedermetzeln ließ und in der Folge seine Vorhaben zur Wiederherstellung des Reiches – und seiner Autorität – durchzusetzen suchte. Dies geschah nicht nur mit Hilfe von autoritären Beschlüssen, sondern auch mit gewaltigen Bauten, u.a. in der Form der Hagia Sophia („heilige Weisheit“), die vor allem in den Hymnen von Romanos dem Meloden Anklang gefunden hat. Diese galt freilich schon zu seiner Zeit als Demonstration seiner irdischen Macht. Desweiteren bedurfte dieses Vorhaben eine Menge an Geld, doch es ist hinreichend bekannt, dass Justinian nichts unversucht ließ, maximalen Profit für seine Kassen zu schöpfen, mit dem er es realisieren konnte. Trotz der Risiken, die eine solche Politik barg, muss er sich durchaus seiner Stärke bewusst gewesen sein, denn er sah sich nach diesem innenpolitischen und weiteren außenpolitischen Erfolgen – also am Zenit seiner Macht – schließlich ja auch als ein neuer, stärkerer Stellvertreter Gottes. In der Folgezeit konnte er im Krieg gegen die Vandalen, der auch mehr oder minder zufällig gewonnen wurde, sein Herrschaftsverständnis „εκ θεου“ ausbauen bzw. konsolidieren. Zudem gingen auf lange Zeit keine großen Erhebungen mehr vom Volk respektive von den Zirkusparteien aus, was zeigt, dass sie in ihrem Wirken eingeschränkt waren. Die Hippodromspiele waren für mehrere Jahre ausgesetzt.

Ich hoffe, die kleine Serie war lehrreich und würde mich über konstruktive Kritik freuen. Waren die Ausführungen zu kompliziert oder verständlich? War die Textlänge in Ordnung oder evtl. zu lang? Für Verbesserungen bin ich jederzeit offen und sehr dankbar. Vielen Dank. 

Kommentare (5)

Gabriele Jung

Hallo Herr Rosenboom,

Ihre Textreihe zum Nika-Aufstand hat mich sehr zum Nachdenken angeregt - obwohl das eigentlich überhaupt nicht mein Themengebiet ist. Sehr spannend fand ich vor allem Ihre Ausführungen zu den Zirkusparteien- auch in den Kommentaren. Wenn ich es richtig verstehe, waren die Wagenrennen auch immer Orte der politischen Auseinandersetzung bzw. des „Austausches“ zwischen Kaiser und Volk. Waren die Zirkusparteien in diesem Sinne auch Sprachrohre des Volkes? Formulierten sie z.B. Forderungen an den Kaiser quasi im Auftrag des Volkes? Oder waren ihre Aufgaben tatsächlich nur, den jeweiligen „Rennstall“ zum Sieg zu führen und erst durch ihren Erfolg und die damit einhergehende Popularität konnten sie eigene Forderungen formulieren und ggf. durchzusetzen? Und wenn ich es weiter richtig verstehe, ging es bei den Zirkusparteien ja auch immer um viel Geld. Gehörten zu den Zirkusparteien entsprechend nur talentierte Wagenfahrer und deren Entourage oder war das auch z.B. für Staatsbeamte eine Möglichkeit, den eigenen Einfluss zu steigern. Und wer finanzierte die Zirkusparteien? Reiche Bürger? Einzelne Senatoren? Der Kaiser selbst? Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie gut die Quellenlage ist und ob ich jetzt viel zu viel und zu laienhaft frage. Aber ich kann noch nicht ganz greifen, ob die Zirkusparteien mehr „Fangruppierungen“ waren oder eben doch auch eine politische Macht im Staat, mit der man rechnen musste? Und so geht es mir letztlich auch bei der Einschätzung des Aufstandes - aber hier scheinen sich ja auch die Experten nicht ganz einig zu sein: war es ein versuchter Staatsstreich, ein aus dem Ruder laufender „Krawall“ oder die gezielte Ausschaltung der kaiserlichen Opposition. Auf jeden Fall scheint die Herrschaft Justinians nach dem Aufstand gefestigter denn je gewesen zu sein. Was vielleicht tatsächlich den Schluss zulässt, dass er seine Gegner ausgeschaltet hat. Aber das schreibe ich jetzt wirklich als vollständiger Laie und eine Bewertung kann ich nicht abgeben.
Also noch einmal herzlichen Dank für Ihre Ausführungen. Ich habe einiges dazugelernt und mein Besuch in der beeindruckenden Stadt Istanbul vor einigen Jahren bekommt durch diesen Bericht im Nachhinein noch einmal eine ganz neue Perspektive. Das freut mich sehr.

Luca Rosenboom

Liebe Frau Jung,
ich danke Ihnen herzlich für Ihren Kommentar. Es freut mich, dass er Sie zum Nachdenken angeregt hat und ebenso sehr freue ich mich über die Fragen. Ich selbst bin auch bei weitem kein Experte, ich habe mich nur für eine Zeit intensiver mit dem Themenbereich auseinandergesetzt.
Die Zirkusparteien darf man durchaus als Sprachrohr des Volkes sehen. Es konnte hier dem Kaiser akklamieren und auch Forderungen durchsetzen, wie wir auch exemplarisch am Aufstand (s. Teil 2) sehen. Das beschränkte sich nicht nur auf die byzantinische Zeit, sondern war auch schon in der römischen Republik bzw. der Kaiserzeit zu finden. Das Volk wusste sich also sehr wohl zu helfen, wobei man hier erwähnen muss, dass dies eher die Ausnahme darstellte. Die Zirkusparteien selbst wurden in der ältesten Forschung als wankelmütige Masse bezeichnet, die es nur gab, um sich als ‚Zoon politikon‘ zu betätigen. Die neuere (was heißt neu – die neueste Monographie von 1976) geht zurecht und gut belegt von der These aus, dass die Zirkusfaktionen sportbegeisterte Massen waren, wie wir sie heute auch in Stadien finden, nämlich die sogenannten Hooligans. Man muss aber im Hinterkopf behalten, vor allem bei diesem Aufstand: Wenn Bürgern (in diesem Falle Anhängern der Faktionen) Unrecht getan wird, kann dies enorme Kraft in Bewegung setzen, die auch auf ‚normale‘ Bürger rüber schwappt. Ähnlich verhält es sich heute auch, nur nicht so stark. Jedenfalls, um auf den Punkt zu kommen
Zu den Staatsbeamten. Hier kann ich leider nur Auskunft über die römische Republik, nicht aber über die byzantinische Zeit geben. Die sogenannten „ludi“, die (Zirkus-)Spiele, waren eine gute Möglichkeit für Ädilen, sich Ruhm zu erhaschen, waren aber sehr kostspielig (ab Augustus wurde die Aufgabe den Prätoren übergeben). Die Massen wollten schließlich belustigt werden: Panem et circenses als Mittel, um die wankelmütige Plebs im Zaum zu halten. Cäsar selbst bietet hier ein gutes Beispiel. Er musste nämlich etwa 830 Talente bei Marcus Licinius Crassus leihen (das wäre heute ein zweistelliger Millionenbeitrag), um die zahlreichen ludi, die er veranstaltete, zu bezahlen. Schulden waren aber nichts Ungewöhnliches in Rom – wenn wir das heute lesen, dann schaudert es uns wahrlich bei einer solchen Summe.
„Und so geht es mir letztlich auch bei der Einschätzung des Aufstandes - aber hier scheinen sich ja auch die Experten nicht ganz einig zu sein…“ Das ist völlig richtig. Es gibt nur plausible Möglichkeiten. Ich habe versucht, alle darzustellen, wobei ich natürlich einige Positionen nicht mit reingenommen habe, um es nicht zu komplex und ausufernd zu gestalten. Am meisten spricht mich die These an, dass Justinian der Initiator des Ganzen ist. Wenn man nicht nur die paritätische Verteilung des Galgenbruches ansieht (bei einem Grünen und Blauen), sondern auch das Handeln in der Folge, so leuchtet das durchaus ein, auch wenn man dies zuerst für absurd halten mag. Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen einigermaßen beantworten und danke Ihnen für das Feedback.

Gabriele Jung

Hallo Herr Rosenboom,
vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mir so ausführlich und informativ zu antworten. Das ist wirklich ein sehr spannendes Thema.
Der Nika-Aufstand - von dem ich vielleicht sogar am Rande schon einmal etwas gehört hatte - wird mir Dank Ihres Beitrags auf jeden Fall im Kopf bleiben. Und ich denke es ist lohnenswert , das Thema „Panem et circenses“ zu vertiefen, zieht es sich doch als Leitmotiv durch die Weltgeschichte.
Das ist das Schöne an dieser Plattform: man wird mit neuen Themenfeldern konfrontiert und kann von dem Wissen anderer profitieren. Ich kann das nicht hoch genug schätzen. Also noch einmal vielen Dank für Ihren Beitrag.

Marcin Lupa

Hallo Luca,

mir gefiel Dein Dreiteiler sehr. Die Länge finde ich angemessen, gut war, dass der Ausflug in die Geschichte von Byzanz in drei Teile gegliedert war, so konnte man zwischendurch verschnaufen - schuld ist die Schnelligkeit der Welt - und die Länge nicht als verstörend wahrnehmen.
Inhaltlich war der Aufstand sehr gut geschildert, vor allem aber verständlich. Daher spreche ich dem Dreiteiler eine sehr gute Präsentation zu. Ich würde mich sehr freuen, wenn weitere solche Exkursionen von Dir hier veröffentlicht würden. Davon profitiere ich als geschichtsinteressierter Laie schon sehr. Zur Zeit lese ich gerade eine Ausgabe von G Geschichte - Byzanz, in der der Nina-Aufstand nur am Rande erwähnt wird, nicht mal unter seinem Namen, es werden nur Tatsachen über Justinians Autorität und wie er sie "erkauft" hat, genannt. Das er dabei mittels arglistiger Täuschung vorging, ist sehr interessant und von Dir sehr gut erarbeitet. Vielen Dank an dieser Stelle.

Luca Rosenboom

Liebe Frau Jung, lieber Marcin,

ich danke recht herzlich für das Feedback; das Thema "Panem et circenses" durchzieht sich wahrlich durch die Weltgeschichte, bis heute, wenn man nur an die Konsumgesellschaft denkt samt des Internets (welches natürlich auch Möglichkeiten wie die wbg eröffnet, ist aber ein Randphänomen). Die meisten Jugendlichen konsumieren unentwegt Nachrichten über Instagram, Facebook etc., was sicherlich alles andere als gut tut. Das aber nur am Rande.

Der Nika-Aufstand wird fast überall nur als Randphänomen thematisiert, wobei sich mir nicht erklärt, warum. Ich wollte nur noch einmal loswerden: Die These, dass Justinian den Aufstand initiiert habe, ist und bleibt eine These. Diese ist zwar plausibel, kann aber keine Richtigkeit für sich beanspruchen. Erfahren werden wir es wohl nie...


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