Ovid, Metamorphosen + Yasmin Schmidt, Ovids Epos und die Tradition des Lehrgedichts

Luca Rosenboom • 26 Juli 2022
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Die „Metamorphosen“ des Ovid waren neben Vergils „Aeneis“ das zentrale Werk der lateinischen Literatur. Vielfach bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts von großen Literaten wie John Dryden und Alexander Pope rezipiert und übersetzt, setzte mit der Epoche der Klassik eine Abkehr von Ovid ein, die sich bis in die 1980er Jahre fortsetzen sollte. Thomas Mann lässt den jungen Hanno im Klassenzimmer seinen Freund Kai gar sagen: „Wenn diese widerliche Ovidstunde erst vorüber wäre!“ Dabei hat Ovid, der sich selbst als tenerorum lusor amorum bezeichnet (Dichter spielerischer Liebeslieder), sich freilich mehr erhofft, nämlich, dass sein Name unauslöschlich sein wird (Met. 15,876: nomenque erit indelebile nostrum). Wollen wir ihm diese Ehre erweisen und seiner gedenken.

Sehr viele werden vermutlich schon einmal mit Ovids Metamorphosen in Berührung geraten sein; ob in der Schule, über Hör-CD’s (oder vielleicht gar Hörkassetten? ;-) – sie bieten eine Vielzahl von Verwandlungen, nämlich über 250 und erklären uns die Ursprünge der Welt und Lebewesen. Im 1. Buch geht es um die Schöpfungsgeschichte, die Sintflut und die Geschichte von Deukalion und Pyrrha, die die Gebeine der Mutter Erde hinter sich werfen sollen, um neues Leben entstehen zu lassen. Auch von der Phaethon Sage werden viele schon gehört haben: Ein Junge, der seinen Vater Sol, den Sonnengott, darum bittet, seinen Feuerwagen zu lenken… ein Weltenbrand folgte. Doch Ovid hat nicht nur „Abenteuer“ zu bieten. Auch werden vielfach Liebesgeschichten (Apoll, Narziss und Echo – ein weiterer Klassiker) thematisiert, die überdies auch herzzerreißende Tragik bieten. So hat Orpheus seine frisch vermählte Eurydice durch einen Schlangenbiss verloren, was ihn dazu veranlasst, ins Totenreich zu gehen. Als „Gabe auf Zeit“ bittet er den Pluto, sie zurückzugeben; dieser gestattet mit der Bedingung, sich nicht nach ihr umzusehen, bevor er die Oberwelt erreicht hat. Alles schien glücklich; die Erde fast erreicht, bis Orpheus – in größter Angst um seine Geliebte ob all der Gefahren – sich wendet… Vielfach interpretiert, bieten die Geschichten – exemplarisch anhand dieser beleuchtet – Anlass zu Diskussionen: Soll sie die Unwiderruflichkeit des Todes darstellen; die unzerbrechliche Stärke des Schicksals oder gar das vergebliche menschliche Bemühen?

Die Geschichten – und das verspreche ich – werden jedermann erfreuen. Was gibt es Schöneres, als diese im Original zu lesen (d.h. auch auf deutscher Übersetzung)? Für diese kann ich die Ausgabe von Niklas Holzberg empfehlen, der auf schöne Art und Weise versucht (und geschafft) hat, den dichterischen Gebrauch Ovids nachzuahmen. 'Versucht' insofern, als dass keine Übersetzung zu 100% in Stein gemeißelt ist und immer Interpretation (die sich vorrangig an die Syntax hält und den Sinn beibehält) beinhaltet.

Es mag meinem persönlichen Empfinden geschuldet sein, allerdings präferiere ich es, die ‚wortgetreue‘ – sofern möglich – Übersetzung anzupeilen, damit man in den Genuss dieses Werkes kommen kann, was die Prosaübersetzungen freilich nicht herabsetzen soll. Daher spreche ich eine klare Empfehlung für die Poesie-Übersetzung (Sammlung Tusculum) aus, die auch hier bei der wbg zu erwerben ist.

Metamorphosen (Sammlung Tusculum) | Buch | Ovid, Publius Ovidius Naso | wbg – Wissen verbindet (wbg-wissenverbindet.de) Anbei sind dort noch Probelinks zum Einlesen, falls Interesse bestehen sollte.

An dieser Stelle möchte ich ein weiteres Buch empfehlen, welches sich an die Interpretationen der ovidischen Metamorphosen anschließen soll: Yasmin Schmidt, Ovids Epos und die Tradition des Lehrgedichts. Es sei vorab gesagt, dass sich dieses Buch allerdings eher an die Studenten der lateinischen Philologie oder diejenigen richtet, die sich mit höchstem Eifer dem Werk Ovids widmen möchten (vorzugsweise mit Lateinkenntnissen).

Bei der Lektüre der Metamorphosen empfand ich es als lohnenswert, sich Interpretationen daneben zu legen, um den tieferen Sinn hinter den Geschichten zu verstehen oder Ansätze nachvollziehen zu können. Es wird u.a. untersucht, inwiefern das zu Beginn der Kosmogonie dargestellte Chaos und die Macht des deus, der mit der Erschaffung eines geordneten Kosmos dem Chaos entgegengesetzt wird, als Mächte zu verstehen sind, die das Weltgeschehen leiten. Dabei hat sich Empedokles als großes Vorbild Ovids herauskristallisiert: Empedokles als einer, der die Ansätze des Parmenides und des Heraklit miteinander vereinbarte und sowohl das Werdende akzeptierte wie auch an dem Konzept des Seins festhielt, das keiner Veränderung unterworfen sei. Auch Lukrez (de rerum natura) spielt als Didaktiker eine große Rolle, der als (Nicht-)Vorbild gebraucht wurde – vor allem für die Lehrdichtung. Von welchen konkreten philosophischen Einflüssen war Ovid geprägt? Und: wie hat er diese umgesetzt?

Am Beispiel der Phaeton-Sage und dem Weltbrand habe sich beispielsweise gezeigt, dass Phaethon die Warnungen seines Vaters ignoriert (Met. 2.1-332), was ebenfalls als Metapher für Ovids Haltung gegenüber der didaktischen Dichtung gesehen werden könnte: Ovid gibt uns Sols komplizierte Rede in voller Länge wieder, aber der junge Phaethon hört kaum auf die väterlichen Ermahnungen: Didaktik, so scheint es, verfehlt ihren Zweck. Schön herausgestellt sind beispielsweise die intertextuellen Bezüge zu Lukrez‘ de rerum natura, der danach trachtete, die Menschen vom Aberglauben zu bewahren.

Ein weiteres Thema sind die Elemente, die vielfach im Werk vorkommen. Die enge thematische Verknüpfung von Mensch und Natur spielt eine große Rolle für Ovid. Insofern war es ein zentrales Anliegen, wo die Ursachen für die Verwandlungen liegen. Welche psychologischen, aber auch moralischen Aspekte können in den Einklang mit den physikalischen Elementen gebracht werden? Eine zentrale Fragestellung hier war, ob die „Metamorphose aus einer Dynamik, die in der Natur angelegt“ sei, resultiere. Ich verspreche nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Interpretationsansätze vielfach sehr gelungen sind, aber dennoch in Teilen diskutabel. Interpretationen sind schließlich immer noch Interpretationen und beanspruchen keine Normativität.

Ein klarer und großer Kritikpunkt indes ist, dass die lateinischen wie griechischen Zitate leider nie mitübersetzt werden, was den Nachteil hat, dass man es mühselig selbst machen oder, was bei einigen intertextuellen Verweisen zu verschmerzen ist, überspringen muss.

Kommentare (2)

Merchan Agaricus

Eine schöne Einführung in die Beschäftigung mit den Metamorphosen. Habe ich mit Freunde gelesen.

Luca Rosenboom

Vielen lieben Dank! Für die Metamorphosen muss man sich auch Zeit nehmen; einige Geschichten sind so ineinander verstrickt, dass man teilweise nachgucken muss, wer mit wem verwandt sein soll. Als hilfreich hat sich noch das Buch "Who's who in der antiken Mythologie" von Gerhard Fink erwiesen - das ist für ein paar Euros zu erwerben; dort kann man sämtliche mythologische Gestalten nachschlagen, was auch abseits der Metamorphosen nützlich ist. Und: kleine Kinder erfreuen sich immer an Geschichten, die man ihnen (in vereinfachter Form) erzählen kann.


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