Pressehinweis: „Wer gut singt, erobert die Frauen“ - Mario Ludwig im Interview mit der Pforzheimer Zeitung

wbg Redaktion • 22 Februar 2021

„Wer gut singt, erobert die Frauen“

Mario Ludwig, Biologe und Bestsellerautor, über das überraschende Familienleben im Tierreich zwischen Polygamie und Adoption


DAS PZ-INTERVIEW

DAS GESPRÄCH FÜHRTE THOMAS KURTZ


Eine Familie zu gründen ist ein wichtiges Ziel der meisten Mitmenschen. Partnersuche, Familienplanung, Kindererziehung sind heutzutage geprägt von unzähligen individuellen Möglichkeiten. Doch so richtig wild wird es erst, wenn man sich dies in der Tierwelt anschaut. Der Biologe und PZ-Kolumnist Mario Ludwig, Autor des Buchs „Das Familienleben der Tiere“, gibt im Interview einen Blick in diese uns verwandte und doch so fremde Welt.


PZ: Herr Ludwig, als Spezialist fürs tierische Familienleben müssen Sie uns verraten, wie es bei Ihnen mit der Familiengründung begann.

Mario Ludwig: Das ist eigentlich streng geheim. Aber ich will mal nicht so sein. Ich habe meine Frau an der Beinpresse im Fitnessstudio kennengelernt. Ist leider nicht so romantisch, wie zum Beispiel auf dem Opernball beim Sambatanzen oder bei einem Candle-Light-Dinner an einem lauen Sommerabend. Da mussten sie also die Muskeln spielen und gleichzeitig ihren Charme wirken lassen. 

Gibt es Tiere, die ein ähnliches Balzverhalten erfolgreich praktizieren?

Natürlich. Im Tierreich herrscht bekanntlich Damenwahl. Da müssen sich die Herren der Schöpfung schon nach der Decke strecken, um bei den Damen erfolgreich zu landen. Da sollte man, wenn man schon nicht der Schönste, Prächtigste oder Stärkste ist, mit betörenden Gesangseinlagen oder perfekten Balztanzschritten punkten.

Gibt es ein Balzprinzip, das in der Tierwelt über Arten hinweg immer gleich gut funktioniert?

Ja, das ist ganz klar Gesang. Das gilt für Vögel, Wale, Fische und diverse Insekten. Wer gut singt, erobert die Frauen. Ein Kanarienvogelmann kann sogar ein Weibchen mit einem gelungenen Liebeslied dazu bringen, größere Eier zu legen. Das hat noch nicht mal Pavarotti geschafft.

Wozu der ganze Aufwand? Gibt es ewige Treue im Tierreich?

Treue wird im Tierreich nicht gerade großgeschrieben. Bei Vögeln sind gerade mal vier Prozent treu. Darunter die Albatrosse, die ein Lebensalter von 60 Jahren erreichen. Albatrosse haben also berechtigte Hoffnungen auf eine „Goldene Hochzeit“. Die treuesten Tiere sind jene, die bei uns keiner kennt, nämlich Präriewühlmäuse. Die sind sogar noch über den Tod hinweg  treu. Da verbandelt sich der Witwer oder die Witwe nicht neu.

Ergeben sich da nie Seitensprünge des Partners?

Doch, bei Albatrossen liegt das aber im einstelligen Prozentbereich. Ganz anders ist das bei unserer nächsten Verwandtschaft im Tierreich, den Bonobos. Da gehört Sex mit unterschiedlichen Partnern so zum Alltag, wie bei uns Menschen – vor der Pandemie – das Hände-schütteln. Sex bei Bonobos hat aber auch eine wichtige soziale Funktion. Er hilft, Spannungen in der Zwergschimpansen-Gruppe abzubauen, so dass ein Streit gar nicht erst aufkommt.

Wie sieht es mit partnerschaftlichem Verhalten in tierischen Vater-Mutter-Beziehungen aus? Diktiert hier das Männchen?

Ja, meistens schon. Aber manchmal haben auch die Weibchen ganz klar das Sagen. Zum Beispiel bei den Hyänen, bei denen die Weibchen einfach viel größer und stärker sind als die Männchen. Und manchmal heißt es für die Männchen sogar, beim Sex gut aufzupassen. Sonst werden sie von den Weibchen nach dem Akt verspeist, wie das bei einigen Spinnenarten der Fall ist.

Menschen machen sich Gedanken über die Familienplanung, etwa wann und wie oft Nachwuchs kommen soll? Kennt man das von Tieren?

Auch manche Tierarten betreiben Familienplanung. Es existiert sogar eine tierische Antibabypille. Und zwar bei den Anubis-Pavianen in Nigeria. Dort fressen die Pavianweibchen, um nicht schwanger zu werden, ganz gezielt die Früchte einer Pflanze namens Vitex doniana. Diese Früchte lassen zum einen den Hormonzyklus der Weibchen stocken und sorgen zum anderen durch ihren Verzehr dafür, dass die Genitalregion der Weibchen weniger stark anschwillt. Dadurch werden die Weibchen deutlich unattraktiver für ihre männlichen Artgenossen, da ein wichtiges Signal für ihre Paarungsbereitschaft wegfällt.

Vater, Mutter, ein bis zwei Kinder – so sieht die deutsche Familie aus. Das scheint im Tierreich aber nicht die Norm zu sein.

Nein, es gibt im Tierreich auch noch ganz andere Familienkonstellationen. Alleinerziehende Väter finden wir bei Nandus, ganz wunderbare schwule Väter bei Flamingos, matriarchalisch geprägte Harems beim Nacktmull und es gibt in Saudi-Arabien sogar eine Multi-Kulti-Familie bestehend aus Pavianen, Hunden und Katzen. Auch Adoptionen sind im Tierreich nicht selten. Da kommt es auch schon mal vor, dass eine Riesenschildkröte ein kleines Nilpferd adoptiert.

Stichwort Helikopter-Eltern: Welche Tiere sind ähnlich überbeschützend?

Ganz wunderbar fürsorgliche Eltern finden wir zum Beispiel bei den Kaiserpinguinen. Ein Ei auszubrüten bei oft minus 40 Grad Celsius und dann auch noch ein Junges bei den berüchtigten antarktischen Stürmen hochzuziehen und warmzuhalten, ist kein Honigschlecken. Und hier wechseln sich Pinguinmutter und Pinguinvater absolut vorbildlich ab. Wissenschaftler haben einmal ausgerechnet, was ein Pinguinehepaar da in einer einzigen Brutsaison leistet: Sie legen bei der Futtersuche insgesamt über 2000 Kilometer zurück und transportieren dabei insgesamt 47 Kilogramm Fisch, um ihren Sprössling gut zu versorgen. Für eine Vogelart, die an Land gerade mal auf 2,5 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit kommt, ist das eine gewaltige Leistung!

Wer erzieht Tierkinder?

Normalerweise lernen Tierkinder alles, was sie fürs Leben brauchen, von Mama und Papa. Aber es gibt auch Ausnahmen. Bei Elefanten übernehmen oft die Omas die Erziehung. Und bei den Lieblingen der Kinder, den putzigen Erdmännchen, gibt es sogar spezielle Lehrer, die die Jungtiere auf den Ernst des Lebens vorbereiten. 

Löwen töten fremde Jungtiere, wenn sie als neuer Pascha den Harem übernehmen. Ist so etwas typisch in der Tierwelt?

Nein, das ist nicht typisch, kommt aber leider bei einigen Tierarten vor. Dadurch kann das neue Männchen schneller eigenen Nachwuchs zeugen und seine Gene sicher weitergeben. Schließlich, das zeigen Freilandbeobachtungen, beträgt der Abstand zwischen zwei Geburten bei einem Löwenweibchen etwa zwei bis drei Jahre. Einem Löwenpascha bleiben im Schnitt aber gerade mal drei bis fünf Jahre, bevor er von einem jüngeren und stärkeren Männchen als Rudelchef abgelöst wird. Da muss man sich in Sachen Gen-Weitergabe ranhalten.

In Ihrem neuen Buch „Das Familienleben der Tiere. Wie sie leben, lieben, streiten“ schildern Sie die kuriosesten Beziehungsgeschichten. Welches Tier wären Sie gerne, wenn Sie sich die Art des Familienlebens aussuchen müssten?

Sagen wir mal so: Eine für uns Männer sehr verlockend klingende Familienkonstellation gibt es beim größten Vogel der Welt, dem Strauß. Da hält sich das Männchen einen Harem. Aber nicht irgendeinen Harem, sondern einen gut strukturierten Harem, bestehend aus einer Hauptfrau und mehreren Nebenfrauen. Allerdings glaube ich, würde meine Frau bei einer solchen Konstellation ein ganz fettes Veto einlegen.


Quelle: PFORZHEIMER ZEITUNG


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Mario Ludwig; Foto: Jörg Donecker

Experte für alles Tierische: Der Karlsruher Biologe Mario Ludwig präsentiert seit vielen Jahren wissenschaftlich Fundiertes aus dem Tierreich auf unterhaltsame Weise. In seinem neuen Buch geht es um verblüffendes animalisches Familienleben. Quelle: Badische Neueste Nachrichten

 

 

1Das Familienleben der Tiere

Wie sie leben, lieben, streiten

Balzverhalten, Brutpflege und Fürsorge - Kurioses aus der Tierwelt

Familie ist wichtig. Man sucht sich den richtigen Partner, pflanzt sich fort und zieht die Kinder groß. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere. Doch das tierische Familienleben steckt voller Überraschungen. Oder haben Sie schon mal von einer Riesenschildkröte gehört, die ein einsames Nilpferd adoptiert? Von Nacktmull-Königinnen, die über einen männlich besetzten Harem herrschen? Von Zwerghamstern als Supereltern?

Im Tierreich existieren komplexe Beziehungsstrukturen und ungewöhnliche Rollenverteilungen, die wir dort nicht erwartet hätten. Der Biologe und Bestsellerautor Dr. Mario Ludwig erzählt Tiergeschichten zum Staunen.