Die siamesischen Zwillinge. Wunder dir nich´- du bist in Berlin!

Anett Sichla • 14 Oktober 2020

Die siamesischen Zwillinge werden 30 Jahre alt!  Wunder dir nich´ – du bist in Berlin!

3. Oktober 1990 - 3. Oktober 2020

November 2019, ich sitze mit meinen Eltern in einem Hotel. Wir werden von einem Gast angesprochen:

„Wo kommen Sie her?“. „Aus Berlin.“ sagt mein Vater. „Ost oder West?“ fragt der Gast. „Ost…“ antworte ich, „aber für mich gibt es nur ein Berlin, kein Ost- und Westberlin. Als die Mauer gefallen ist war ich 6 Jahre alt. Ich kenne nur EIN Berlin.“ Da wurde es meinem Vater das erste Mal klar… er schaute mich verwundert und überrascht an, mit meinen eigenen `großen braunen Kugelaugen` - wie er sie immer nennt, ohne dabei zu bemerken, dass er sie selbst hat.

 

Ick wunder mir über janüscht mehr!

 

Zwei Körper- miteinander verwachsen am Kopf. Die Regierung die gleiche- die Mentalität eine andere. Die siamesischen Zwillinge sind meiner Meinung nach die Spätfolge des Marshallplans. 1947 bekam Westdeutschland im Zuge des amerikanischen Plans zum Aufbau der Wirtschaft in Europa schnelles Geld. Alles geschenkt, Amerika- der Freund und Retter. Gut hat es getan… endlich satt, gepflegt, versorgt und sicher zu sein. Endlich wieder zu genießen!

Während der westdeutsche Zwilling gepäppelt und verwöhnt wurde – schaute der ostdeutsche Zwillingsbruder gekrängt zu. Wut, Hoffnung und das Gefühl der Ungerechtigkeit baute sich über vierzig Jahre lang langsam aber stetig auf und explodierte in einem Vulkan der Rebellion. Die menschliche Lava drängte, drückte und ergoss sich friedlich und glühend auf die Straßen Berlins.

Berlin- ick liebe dir! Hörste mir?

Zu hören war aber nichts.

Es war so friedlich, dass ich nichts davon bemerkte, dass die Zwillinge nun wieder vereint waren, EINE Regierung hatten. Sozusagen am Kopf zusammengenäht wurden. Wo doch beide schon, jeder ein eigenes Herz, eigene Werte, eigene Sichtweisen, eigene Einstellungen entwickelt hatten. Wo sie doch längst nicht mehr eins waren. Sondern nur eins sein wollten… Ein Zwilling aufgewachsen in Reichtum, in Sicherheit. Der andere in Armut, immer auf der Hut. Was sie wollten, und was sie konnten - waren zwei verschiedene Sachen. Ganz EINS sein, das konnten sie nicht mehr. Und so wurden sie schnell am Kopf zusammengenäht und zu einem siamesischen Zwilling vereint. Am Tag der Deutschen Einheit.

In der Nacht der Deutschen Einheit, am 09. November 1989 schauten alle fern, es gab eine leichte Westwetterlage. Mein Vater sah die Nachrichten und fuhr schnell mit der S-Bahn zum Brandenburger Tor. Er war dabei und brachte uns einen Stein aus der Berliner Mauer mit.

Es war so friedlich in dieser Nacht, dass ich nichts davon mitbekam. Ich war 6 Jahre alt, wohnte mitten in Berlin, in einer Wohnung in der Weichselstraße, im Bezirk Friedrichshain, der genau in der Mitte dieses riesigen Ameisenhaufens von Stadt liegt. Wie konnte ich diese Revolution nicht bemerken? Tag und Nacht hörte man hier Autos und die Straßenbahn. Jede Demonstration war an dieser Hauptstraße hörbar. Ab und an sah ich durch das Fenster von oben bunte Ameisentrauben mit Plakaten für Tiere, für Toleranz, gegen Toleranz, für Regenbögen.

Aber diese große Revolution, auf die ich nun mein Leben lang angesprochen werde, die hörte ich nicht. Die habe ich nicht gesehen. Die schlich sich einfach an mir vorbei! Und dabei war ich doch mitten drin! Unmöglich sowas! Oder war ich nur zu jung und zu dumm?

Dummheit is ooch ´ne Jabe Jottes, aber man soll ihr nich mißbroochen.

Seltsam- sehr seltsam. Eine Revolution ohne Revolte? Wer hat denn jemals so etwas gehört?

Hörste  mir, Berlin?

Werden wir jene Nacht in 100 Jahren immer noch eine „friedliche Revolution“ nennen?

Dat wär´ ja doof wie Stulle!

Wohl eher eine „ungeplante Grenzöffnung bedingt durch wirtschaftliches Versagen“.  Waren wir Zeugen einer Revolution – oder eher einer Panne?

Für mich änderte sich jedenfalls nichts in dieser Nacht – und doch änderte sich alles. Die Weichen meiner Zukunft verstellten sich leise und unbemerkt und es öffnete sich ein stilles – für mich noch unsichtbares – Tor zur Welt. Als Tochter einer strengen Katholikin hätte ich in Ostberlin nie die Chance auf eine Auszeichnung bei der Zeugnisausgabe in der Schule gehabt, geschweige denn auf einen Klassensprecherposten.

Außerdem waren wir hochverdächtig, denn mein Papa war passionierter Elektriker, Physiker und Hobby-Morser und hatte das Morse-Alphabet für sich entdeckt. Seit seiner Jugend in einer kleinen Stadt träumte er von einer Reise nach Kanada und machte es sich zum risikoreichen Hobby wenigstens einen Menschen in Kanada zu finden, der ihm eine Postkarte aus dem Land seiner Träume schicken würde, mit einer echten kanadischen Briefmarke darauf. Leider kam so eine Postkarte bei uns nie an. Er hatte aber eine kleine Sammlung von Postkarten aus verschiedenen Ländern. Ich vermute, das hetzte uns dann die Stasi auf den Hals. Als meine Eltern verreisten, wurde die Wohnung durchsucht. Lautlos und fast unbemerkt. Fast… denn die freundliche alte Dame in der Wohnung gegenüber hatte im Treppenhaus Schritte gehört und zwei Männer in schwarzen Mänteln durch ihren Türspion dabei beobachtet, wie sie unsere Wohnung aufschlossen und hineingingen. Das war eine hochinteressante Welt damals, wie in einem guten alten Kriminalroman. Keine Stunts, keine Effekte, keine großen Gefühle. Lautlos und ordentlich. Seltsam… sehr seltsam.

In der Weichselstraße 24a wohnten acht bis neun Parteien. Es gab vier Stockwerke, auf jedem waren zwei sich gegenüberliegende Wohnungen. Die neunte Partei war eine zufällige Entdeckung meines Bruders. Wir schlichen uns manchmal in die Dachkammer, die früher als Wäscheraum genutzt worden war und nun leer stand. Eines Tages entdeckte mein Bruder dort oben einen Schlafsack und eine Bierflasche. Es sah aus, als hätte jemand dort oben übernachtet. Wir haben den Schafsack ab und an dort gesehen… womöglich schlief dort oben ein Obdachloser…? Wer weiß? Wie drei andere Parteien in diesem Haus war auch diese ruhig und unsichtbar.

Die anderen fünf Parteien waren wie bunte Kanarienvögel, wovon wir mit Abstand die lauteste waren. Die einzige Familie mit Kindern in diesem Haus- und wir waren SEHR laut! Meine Mutter sang beim Kochen – so, dass ihr „Cherry Cherry Lady“ aus dem Küchenfenster in jeden Winkel des Hinterhofs schallte. Sie nahm mich auf den Arm und tanzte und sang zu allen Hits von „Modern Talking“. Mein Bruder und ich trampelten und verursachten solche Erdbeben, wenn wir im Spiel von der Couch auf den Boden sprangen, dass bei unserem Nachbarn Christian Morgenstern die Deckenlampe schwang und die Fische im Aquarium tsunamiähnliche Zustände erlebten.

Meine Mutter hatte für Herrn Morgenstern eine Sympathie, schließlich bedeutete sein Vorname „der Christ“. Herr Morgenstern war bei der S-Bahn beschäftigt und wie sein Nachname schon sagt, war er bis in die Morgenstunden als Bahnführer unterwegs um den Weg von Ost nach West zu ebnen.  Seine S-Bahn-Strecke war die von Ostberlin bis Westberlin und wieder zurück. Jeden Tag durfte er als S-Bahn-Führer über die Grenze. Kein Wunder also, dass er unter besonderer Beobachtung stand. Insbesondere die Nachbarn über uns, ein älteres Ehepaar, waren im Haus als grantige Beobachter und Ausfrager bekannt.

Über ihnen wohnten sehr vornehme und herzliche Leute. Ein kinderloses Ehepaar aus Russland mit einem großen, weißen, tapsigen Hund. Der Hund hieß „Tschappa“. Es gab dort auch eine Katze, auch sie war leise und unbeeindruckt. Man konnte ihr auf den Schwanz treten und sie spürte es einfach nicht. Der dicke, große alte Mann sah aus wie der Weihnachtsmann und strahle Ruhe und Gemütlichkeit aus. Er war Professor für Geschichte an der Universität in Ost-Berlin. Nachts um 1 Uhr ging er mit dem Hund raus, meine Mutter sagt bis heute, dass sie es liebte seine Schritte zu hören und Tschappas tapsige Pfoten, weil es ihr so sympathisch war, dass jemand nachts noch wach war. Manchmal besuchten wir das Paar. An ihrer Tür war das Bild einer Eule und die Aufschrift „Ich arbeite nachts“. Die Tür öffnete immer Frau Lenka, die Ehefrau von Prof. Bernd Funck. Sie war auch ruhig und klug wie der Professor, aber sie war sehr schlank und hatte die längsten Haare die ich je gesehen hatte. Sie hingen in einem langen Zopf bis zu den Knien herunter, wie eine schwarze Fahne.

Auf der Tür gegenüber war auch ein Schild – eigentlich ein großer Sticker, der mich sehr freute, denn ich erkannte darauf die Polnische Fahne. Eines Tages versuchte ich zu lesen, was auf der Fahne stand- denn das junge Paar, dass dort wohnte war durch und durch deutsch. Sie lebten in einer gemeinsamen Wohnung ohne verheiratet zu sein- was meine Mutter zu Hause entrüstet zu betonen pflegte. Auf dem Aufkleber stand „SOLIDARNOŚĆ“. Erst viele Jahre später habe ich verstanden, dass sie keine Polen-Fans waren, sondern eine politische Sympathie hatten. Von dem Mann wusste ich nichts weiter, nur, dass er Herr Sven hieß.  Über die junge Frau wussten wir, dass sie Frau Irene hieß, mit der „SOLIDARNOŚĆ“ sympathisierte, selbstbewusst war und eine Schwester in der Politik hatte. Die Schwester war einmal zu Weihnachten zu Besuch und hieß Angela Merkel.

Von ganz oben nun nach ganz unten - in das Erdgeschoss.  Dort war eine graue, dunkle und, nach dem Blick in die dreckigen Fenster zu urteilen, verlotterte Wohnung eines alten, versoffenen Penners. Ganz nach dem Motto: „Säufste, stirbste,

                                       säufste nich,

                                       stirbste ooch,

                                       also säufste.“

Der Mann war grau, seine Haut war grau, seine Wohnung war dunkel und er war immer betrunken. Der Tod auf Latschen und in Bademantel, sozusagen. Eines Tages schlug jemand ein Fenster bei ihm ein. Vielleicht einer der Demonstranten, vielleicht ein Saufkumpan, vielleicht er selbst… jedenfalls behauptete er, dass es ein Einbrecher war. Er ließ Gitter einbauen, dicke graue Eisengitter vor den Fenstern- daraufhin sah es aus, als wohnte er in seinem eigenen Knast. Das war das einzige, was ihn sichtbar machte, ansonsten zählte er zu den unsichtbaren Erscheinungen des Hauses.

Als wären vier Paradiesvögel nicht schon genug in einem acht bis neun Parteien Haus, zog nach der Wende noch eine außergewöhnliche Erscheinung im Erdgeschoss ein. Und sie war alles andere als unsichtbar. Sie war leise, aber bunt – eine russische Künstlerin, die aus der Erdgeschoss-Wohnung ein Kunstatelier machte. Groß, schlank, lange Kleider, farbenfroh und auffällig. Sie bot Mal- und Bastelkurse an, bei denen wir Kinder immer mitmachen durften. Ich bat sie, mir ein Kleid für meine Barbies zu nähen und ich staunte über ihre Kunstutensilien in den hinteren Zimmern. Sie machte Marionetten, davon hatte sie viele. Sie hingen überall von den Decken herunter. Sogar das Kinderfernsehen kam zu ihr und wir wurden alle gefilmt. Das war ein Abenteuer! Als es Wochen oder Monate später ausgestrahlt wurde, rief mich meine Mutter, aber ich war gerade bei Ira, der Künstlerin, um ein Barbiekleid in Auftrag zu geben- ich habe die Ausstrahlung also leider verpasst. Aber das macht nichts, denn ich war ja dabei.

Da mach´ ick mir janüscht draus.

Das einzige was sich nach der „ungeplanten Grenzöffnung“ im November 1989 verändert hat war, (außer dass Ira ihr Atelier eröffnete) dass die Hausspione plötzlich sehr nett geworden sind. Als Jahre später das gesamte Haus renoviert wurde und wir alle ausziehen mussten, schenkte Herr K. meinem Bruder sogar seine Angelausrüstung, was meinen Bruder zu einem begeisterten Angler machte.

Ansonsten änderte sich nichts. Die nette Oma von gegenüber kam ab und zu zum Babysitten zu uns und las uns etwas vor. Ich mochte sie sehr. Professor Funck ging nachts mit „Tschappa“ gassi, Herr Morgenstern fuhr immer noch die gleiche S-Bahn, meine Mama sang noch „Cherry Cherry Lady“ und mein Papa versuchte immer noch nach Kanada zu morsen und an der Tür im vierten Stock klebte jahrelang der „SOLIDARNOŚĆ“-Aufkleber.

Wie kann das denn sein, wenn Revolution doch „Veränderung“ bedeutet?

Frach bloß nich´ mir- ick wees et ooch nich´!

Kommentare (2)

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