Vergil 4 - Caesar oder Augustus?

Luca Rosenboom • 24 April 2022
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nascetur pulchra Troianus origine Caesar,

imperium Oceano, famam qui terminet astris,

Iulius, a magno demissum nomen Iulo.

hunc tu olim caelo spoliis Orientis onustum

accipies secura; vocabitur hic quoque votis.

aspera tum positis mitescent saecula bellis;

Dann wird aus vornehmem Stamm geboren der troische Caesar, der sein Reich mit dem Weltmeer begrenzt, seinen Ruhm mit den Sternen,

Julius, dessen Name herkommt vom großen Iulus.

Ihn wirst im Himmel du einst, mit des Orients Beute beladen, frei von Sorgen empfangen; dieser wird auch in Gebeten angerufen werden.

Grimmige Zeiten werden, wenn die Kriege weg sind, dann friedlich.

Im ersten Vers springt ein Name ins Auge: Caesar. Vergil jedoch – wie wir bereits beleuchtet haben – schrieb sein Epos für Augustus: Wer ist denn nun gemeint? Hier gibt es eine Ambivalenz des Namens: Zum einen wird man Augustus nicht leicht an diesem ersten Vers erkennen können, denn Augustus ist als „Iulier“ eigentlich nur durch Adoption legitimiert; hinzukommt, dass Caesar seine genealogische Linie bei einer Leichenrede auf seine Tante Iulia 69 v.Chr. untermauerte, die überdies durch den Tempel für Venus Genetrix auf dem Forum Caesaris manifestiert wurde.

Ein weiterer Punkt spricht für Caesar: Oktavian (späterer Augustus) ließ bereits im 2. Triumvirat die Divinisierung seines Adoptivvaters beschließen, so dass Caesar zum Divus Iulius wurde, wodurch sich der Name Iulius noch enger mit dem dictator perpetuum (auf Lebenszeit) verband. Im folgenden Jahr wurde nach der Schlacht von Philippi 42 v.Chr., als Oktavian seinen ‚Vater‘ rächte, der Tempel für Divus Iulius gelobt, der 29 v.Chr. dann seine Weihung bekam. Just dieses Jahr begann Vergil auch sein Werk – und da wir uns noch in Buch 1 befinden, darf man durchaus annehmen, dass dieses fast zeitgleich fiel. Auch Militärisches könnte für Cäsar selbst sprechen: im Jahre 48 v.Chr. nämlich besiegte er Pompeius im Bürgerkrieg bei Pharsalos im Osten.

Es gibt aber auch einige Gründe, die für Augustus sprechen: schon in den Georgica des Vergil wird Oktavian als künftiger Gott gefeiert – die Textpassage im Lateinischen ist verblüffend ähnlich. Ebenso wird er dort bereits als Blitzeschleuderer (in Jupiters Rolle) am Euphrat gefeiert (ein Fluss im Osten, der eine Demarkationslinie darstellte gegenüber den feindlichen Parthern). Und ein gewichtiger Punkt ist noch: an keiner anderen Stelle wird Caesar selbst im Werk gelobt – es ist ja schließlich mehr ein Enkomion auf Augustus selbst. Wir werden es wohl nicht mehr herausfinden, allerdings stehen diese zwei Interpretationsansichten zur Disposition.

Im nächsten Teil wird der Abschluss des ersten Buches sowie der Inhalt des zweiten näher beleuchtet (Trojanisches Pferd, Aeneas-Erzählung...)

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