Was ist „Kultur“?

Rüdiger Eduard Böhle • 31 März 2021

Was ist „Kultur“?

Woran denken Sie bei dem Begriff "Kultur"?

    • vergangene Hochkulturen?
    • 3600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra?
    • Kunst: Höhlenmalerei, Dürer, Michelangelo, Banksy?

Hinzuzunehmen wäre: Musik, Theater, Bücher, Bibliotheken, Museen, Mythen; Tempel / Kirchen, Städte und Architektur, Burgen u. Schlösser samt Parkanlagen …

Von der Sache selbst her bestimmt: seit eh und je hat Kultur ihren Ort beim Menschen; wo der Mensch, da auch Kultur.

Archäologen finden einen ‚bearbeiteten‘ Flintstein, eine Feuerstelle …: Relikte menschlichen Dasein. Wie alt auch immer, so spiegeln sie doch den Kontext ihrer ehemaligen Relevanz: ihre Kultur.

Ein bearbeiteter Flintstein spiegelt: Handwerk u. Werkzeug der Bearbeitung; Gebrauch zu alltäglichen Zwecke als Messer, Pfeilspitze …

Ein Bernstein in Sumer spiegelt: globalen Handel, sozialen Status …

Gibt es den Begriff des kulturellen Erbes? schützenswert?

Relikte aus längst vergangenen Zeiten und Kulturen spiegeln konkret vernehmbar die Geschichte des Menschen ab ovo ad dato: die Genesis unserer Gegenwart – sowohl materialiter wie ebenso und bedeutender: idealiter! Ein kulturelles Relikt spiegelt eine spezifische Bedeutung in der Sozialität seiner Zeit in petrefakter Gestalt, und also ein konkret vorliegendes ‚kulturelles Erbe‘.

Die Frage, ob kulturelle Relikte vergangener Zeiten aufbewahrt und geschützt werden sollen, resultiert aus deren näheren Bestimmung ihrer Bedeutung und vorhandener Menge: Flintsteine, an denen spezifische Bearbeitungs- und Gebrauchsspuren vernehmbare Hinweise auf die Kultur ihrer Sozialität zeigen, legen eine Bewahrung nahe: sie stoßen zum Bedenken nicht nur ihrer Kultur an, sondern zum Bedenken über den Menschen und Kultur überhaupt, Sinn des Daseins … Flintsteine ohne Spezifikum und in Massen vorhanden, legen weniger nahe, sie zu bewahren; da genügen wohl ein paar.

Ein gleiches Erwägen gegenüber Siedlungsspuren: Wohnhäuser, die ohnehin meist nur noch in ihren Grundmauerresten vorhanden sind; so auch Pfahlbauten am Bodensee … Diese Anlagen gleichen einander an verschiedenen Orten; also möge ‚ein praktisches Interesse‘ wie etwa Tourismus die Bewahrung nahe legen.

Von ganz anderer ‚Qualität‘ zeigen sich Repräsentationsbauten der Religion: Zikkurate,  Tempel, Kirchen, Klöster; der Macht: Burgen, Schlösser, Paläste samt Bibliotheken, Galerien und Parkanlagen. – Ein gleichsam unerschöpfliches Arsenal an kulturellen Spiegeln und Anstößigkeiten für ein Bedenken in kritischer Distanz.

Die Frage, ob Solches ‚schützenswert‘ sei, stellt sich erst gar nicht. Weshalb es auch weltweit Entsetzen und Empörung evozierte, als fundamentalistische Borniertheit an Kulturdenkmälern der Antike in Syrien und im Irak sich austobte.

gibt es die Kultur an sich überhaupt? / Kultur = Kunstbegriff / Wunschdenken?

Das Wort „Kultur“ verweist in seiner Etymologie zurück auf: lat. cultura, colere, cultus ~ urbar machen, bebauen, bearbeiten. Metaphorisch: in Besitz nehmen, wohnen, ansässig sein;

Hege u. Pflege vorzüglich in der Landwirtschaft. (zur Pflege des Rasens und der Nutzbeete arbeiten wir mit einem „Kultivator“)

Der Etymologie des Wortes „Kultur“ entnehmen wir im Besonderen dessen Herkunft aus der Not des Menschen, in die Welt nicht eingepasst zu sein wie etwa die Pflanzen und die Tiere, sondern die vorgefundene oder „von Menschenhand noch unberührte Natur“ (Stifter). Der Mensch muss sich, wenn er sein Dasein in der vorgefundenen Welt, in der „Natur aus erster Hand“ (Gehlen), wahren können will, notwendig den Lebensraum, dessen er existentiell bedarf, selbst schaffen. Der Mensch muss – bei Strafe des Todes – aus der vorgefundenen und „noch nicht entgiftete Welt“ (Gehlen) die ihm adäquate Welt sich erschaffen: die Welt des Menschen. (genitivus subjectivus und zugleich genitivus objectivus!)

Damit sind wir auf eine doppelte Leistung des Geistes, sprachlich im doppelten Genitiv ‚auf den Begriff gebracht‘, verwiesen worden: einerseits und primär die Erkenntnis der eigenen Bedürfnisse, und also, wie spezifisch auch immer, doch Selbsterkenntnis; und zugleich die Erkenntnis des gegebenen und dem Bedarf nicht adäquaten Sachstandes. Auf der elementaren Stufe: die Erkenntnis der zu kultivierenden Natur, sowie, eine subtile mentale Leistung, die Erkenntnis des spezifischen Verhältnisses von Natur und eigenen Bedürfnissen.

Andererseits und zugleich die Instrumentalisierung dieser Erkenntnisse – gemäß der Einsicht in den akuten Sachgehalt – zu organisieren, um stringent die Intentionseinlösung zu bewirken. Etwas auf eigene Zwecke hin zu kultivieren, erfordert, daß im Anblicke seiner Intention der Mensch immer zugleich auch sich selbst zum Gegenstande seines Bedenkens setzt, um nicht nur die Sache auf sich selbst hin zu erkennen, sondern ebenso sehr und zugleich auch sich selbst auf die Sache hin im Handeln und Verhalten zu ‚kultivieren‘: die List der Vernunft.

Die Instrumentalisierung der Welt zum Zwecke des Menschen erfordert die Disziplinierung des Menschen nicht nur zum Vermögen der Erkenntnis, sondern ebenso sehr zum Vermögen, die Erkenntnis adäquat in Werkzeugen zu vergegenständlichen und zu instrumentalisieren.

Ein weiteres Vermögen erweist sich als notwendig: mit dem Instrument umzugehen, effektiv einzusetzen und zugleich vermittelst Hege und Pflege in der ‚kultivierten‘ Tauglichkeit zu wahren und nicht im Gebrauche zu ruinieren.

Das Wort „Kultur“ spiegelt in toto die erwiesene Einlösungskompetenz des Menschen; das Wort „Kultur“ spiegelt die – gleichsam unerschöpfliche – mentale Potenz des Menschen, die existentiell Vergewisserung ‚unter allen Umständen‘ zu leisten.

Conditio sine qua non der Kultivierung einer Sache bis hin zur Welt ist immer zugleich eine Kultivierung des Menschen; die Kultivierung seiner selbst zur Tauglichkeit im Kontext und zum Zwecke einer Sozialität. Diese Leistung des Geistes entspringt der existentiellen Not – im ‚anstößigen‘ Anblicke der jeweilen konkret gegebenen ‚Umstände‘; weshalb jede Kultur – innerlogisch notwendig – eine je eigene Art von Kultur hervorbringt: der Ursprung der ‚Grund-legenden‘ Differenz der Kulturen – wider einander!

Diese Leistung des Menschen, die vorgefundene Welt, spezifisch: die vorgefundene Natur ‚aus erster Hand‘ wie ebenso sehr sich selbst, zur existentiellen Fundierung des eigenen Daseins zu verarbeiten, um hier ‚Wohnung nehmen‘ und für das Leben seiner selbst wie der Sozialität ‚Sorge tragen‘ zu können, nennen wir „kultivieren“. Das Ganze dieses Handelns und Verhaltens gegenüber der Welt wie gegenüber sich selbst und lebenstauglich gegenüber Anderen, woraus her die Sozialität und deren Ordnung resultiert, nennen wir „Kultur“.

Das Wort „Kultur“ weist an sich und seiner Etymologie auf einen großen und, insbesondere, bedeutenden Geschichtshorizont des Menschen zurück von der Natur ‚aus erster Hand“ und diese zum Zwecke des Menschen ‚urbar‘ zu machen bis hin zur Wohnstätte und Sozialität, lat. „urbs“: Die Welt des Menschen ist die Welt, die durch die Arbeit des Geistes gegangen ist: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ (Protagoras)  

Dabei müssen wir uns immer bewusst bleiben, eine conditio sine qua non der Kultur und des kulturellen Handelns und Verhaltens: Der Mensch instrumentalisiert – existentiell notwendig und bei Strafe des Todes – die Natur zu seinen Zwecken: innerlogisch stringent bestimmt sich diese Instrumentalisierung der Natur zum Zwecke des Menschen auf der Stufe der Kultur immer zugleich auch, die Wahrung oder Hege und Pflege der Natur zu leisten!

Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel; also auch der Zweck der Kultivierung. Der Kultur eignet also ‚fundamental’ das Moment der Macht und der Gewalt gegenüber dem zu kultivierenden Gegenstand. Der Begriff der „Kultur“ bringt also – schon auf der Stufe der Natur – zum Bewusstsein, daß eine erhebliche mentale Leistung erbracht werden muss: die Dienstbarkeit der Natur zum Zwecke des Menschen zu bewirken und innerlogisch stringent zugleich die Hege und Pflege der Natur. Wir nennen diese mentale Leistung „Erkenntnis“; deren Systematik „Wissenschaft und Technik“: „Wissen ist Macht!“ (Bacon)

Die uns geläufige Umweltproblematik resultiert vor dieser Folie des Gedankens aus dem Widerspruche, in der Kultivierung abstrakt alles auf ein spezifisches Detail hin zu reduzieren und somit die Natur an und für sich, und also qua elementare Kondition des Lebens überhaupt und des Menschen im Besonderen, außer Relevanz zu setzen: eine contradictio in se! – Nicht die Abstraktion bestimmt sich zum Widerspruche, sondern die Hybris, alles, wovon die Abstraktion am Ganzen unter dem Verdikt eines Zweckes abstrahiert, außer Relevanz in toto zu setzen und, radikal borniert, als nicht existent überhaupt zu negieren.

Kultur bestimmt sich – innerlogisch stringent und insbesondere im Moment „Wissens ist Macht“ – zur Verantwortung.

Schafft Kultur Zusammenhänge oder trennt Kultur?

Was Huntington in seinem Buche „The Clash of Civilizations / Kampf der Kulturen“ von 1996 schrieb, ist heute kaum mehr ‚Schnee von Vorgestern‘. Der Inhalt hat sich verflüchtigt; der Titel des Buches aber ist als gängiger Gemeinplatz geblieben: eine diffuse Vorstellung, die sich in der alltäglichen, aber eben unreflektierten, Erfahrung immer wieder und ganz konkret zu bestätigen – scheint! Insbesondere in den Ländern, in denen wegen Migration und Asyl diverse Kulturen aufeinanderprallen und nicht in der ‚kultivierten Dissonanzaufhebung‘, die wir gemeinhin „Toleranz“ und spezifisch „Gastrechtes“ nennen, zweckkonditioniert als irrelevant gesetzt werden – für ein überschaubare Dauer!

Die bekannten Dissonanzen aus der Migration her resultieren innerlogisch stringent und repräsentieren die Realität, wenn Kulturen unmittelbar, und also so unkultiviert, einander gegenüberstehen. Jede Kultur bleibt, weil nicht intentional aufeinander sich beziehend, für sich selbst bedenkenlos dem eigenen Selbstverständnisse verhaftet. Ein Bedenken seiner selbst in kritischer Distanz und spezifisch im Anblicke der Sphäre einer anderen Kultur, der Kultur vor Ort wie der Kultur des Migranten, hat nicht statt. Es mangelt den unvermittelten Kulturen ganz natürlicher Weise, präziser formuliert: innerlogisch stringent, die ‚Grunde-legende‘ Identität der Intention auf eine prosperierende Sozialität hin: jede Kultur intendiert die ihr ‚aus urdenklichen Zeiten her‘ tradierte und darum entsprechende Sozialität, deren Normen, Werte, Moral, Sittlichkeit, Selbstverständnis … – auf der Stufe und im Anspruche von absolut. Gemeinhin verortet eine Kultur ihren Ursprung wie ihre Grundlegung in einer Transzendenz, so sakral wie tabu. (Antigone versus Kreon)

In concreto hält zwar keine Kultur diesem Anspruche und Selbstverständnis stand – wie ihre Geschichte jeweilen in epischer Breite erzählt. Wie die Intensität des Selbstverständnisses im Bewußtsein dessen Borniertheit spiegelt, so auch auf der Stufe von Kultur. Die alltägliche Erfahrung kultureller Dissonanzen in der Spannweite von Reserviertheit über Ablehnung bis Desavouierung und Terror irgendwelcher Fundamentalisten expliziert in concreto die wohl begründete, fundamentale Differenz der Kulturen. Doch zugleich explizieren die Ereignisse präzise mannigfache Anhalte, die Dissonanzen aufzuheben: das Bewußtsein jedes Einzelnen wie der Sozialität insgesamt ist der konkrete Ursprung, Gestalter und Wahrer der Kultur; und also der  Anstrengung des Geistes fähig, den problematischen Sachgehalt gemäß seiner selbst in kritischer Distanz, insbesondere zu sich selbst, zu bedenken, zur Erkenntnis zu sublimieren und Zukunft eröffnend aufzuheben.

Dieses, dem Geiste des Menschen eo ipso wesentlich eignende, Vermögen ist die Krux; meist die nicht zu eliminierende Krux! Bestimmt eine Kultur sich – auf der Stufe ihres gemeinen Bewußtseins – zum Bedenken eines Sachgehaltes und zugleich seiner selbst in kritischer Distanz, dann zerfällt im Bedenklichen – innerlogisch stringent – der Wert des Sakralen und des Tabu. Eine Kultur, die sich selbst so bestimmt, vermag im Anblicke einer anderen Kultur sich selbst in die Frage zu stellen oder sich selbst ‚der Frage würdig‘ zu erachten. Gemeinhin sprechen wir dann von einer Kultur, die charakteristisch neugierig ist und Anderes zum Zwecke, den eigenen Lebenshorizont zu erweitern, zu bereichern, für sich ‚kultiviert‘. Einer so bestimmten Kultur eröffnet das Andere und Fremde bisher nicht gekannte, nicht geahnte, bisher ihm verschlossene Lebenshorizonte.

Bestimmt eine Kultur sich – auf der Stufe ihres gemeinen Bewußtseins – alles Bedenken eines Sachgehaltes, spezifisch seiner selbst und gar Sinn und Zweck des Menschen überhaupt unter das Verdikt einer Transzendenz zu subsumieren, dann zerfällt alles Bedenken, insbesondere das Bedenken in kritischer Distanz, zum Frevel bis hin zur Blasphemie!

Ein gängige, süffisante Rede mit spöttischem ‚Tiefgang‘ aus dem Fundus unserer Kultur: „hätten Löwen und Rinder Götter, so sähen diese aus wie Löwen und Rindviecher!“ (Thales, Diogenes) evozierte in manch anderer Kultur das Todesurteil!

Treffen diese und jene Kultur in einer Sozialität aufeinander, resultiert ihre Begegnung ganz alltäglich zum ‚Kampf der Kulturen‘.

Résumé

Etwas umgangssprachlich salopp gefasst: Kulturen konnten noch nie miteinander; wie die Geschichte hinreichend belegt. Kulturen können auch gegenwärtig nicht miteinander; wie die Globalität unserer Tage hinreichend belegt. Die Kulturen werden auch in Zukunft nicht miteinander können; wie der Begriff „Kultur“ und die Geschichte hinreichend belegen. – Kulturen – innerlogisch stringent – schließen einander aus.

 

 

Kommentare (1)

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