Was ist Kunst?

Lara Hitzmann • 22 Januar 2022
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Was ist Kunst?


Der Mensch und die Kunst führen ihre Beziehung seit Jahrtausenden. Sie begleitet uns im Alltag – und das seit Kindestagen an; in Form von Basteln oder Werken, später dann im Schulunterricht. Wer etwas auf sich hält, der kennt sich mit ihr aus. Für einige ist es ein Wunder, für andere ist es Müll. Aber was ist Kunst eigentlich?


»Die Kunst ist zwar nicht das Brot, wohl aber der Wein des Lebens«, um hier den Schriftsteller Jean Paul zu zitieren. 


Allgemeine Definitionen beschreiben die bildende Kunst als eine Ausdrucksform der Gefühle und Gedanken in einer Art schöpferischen Gestaltungsakts. 


»Es gibt Maler, die die Sonne in einen gelben Fleck verwandeln. Es gibt aber auch andere, die dank ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln können.« – Pablo Picasso


Andreas Graeser beschreibt den Zusammenhang von Kunst und Philosophie wie folgt: 
»Wenige Disziplinen haben in den hinter uns liegenden Jahrzehnten in ähnlicher Weise von den Entwicklungen in der Philosophie profitiert wie die Philosophie der Kunst; und wenige Disziplinen haben ihrerseits die Philosophie so bereichert wie diese Disziplin.«
Die Kunstphilosophie beschäftigt sich mit dem Wesen der Kunst. Verschiedene Theorien versuchen sich diesem anzunähern. Lange vorherrschend war die Darstellungstheorie, die ihren Ursprung bei Platon und Aristoteles hat. Sie bezeichnet die Annäherung der Kunst an die Wirklichkeit, primär die Natur. Bei Betrachtung der moderneren Kunstwerke oder auch der Musik und Literatur wird diese allerdings obsolet.

Die Ausdruckstheorie bezeichnet nach Leo Tolstoi das als Kunst, was etwas ausdrückt. Diese Definition wird bei der Frage hinfällig, ob dies noch greifen kann, wenn sich der Ausdruck nur dem Künstler oder der Künstlerin erschließt. 
Im 20. Jahrhundert werden immer mehr Stimmen laut, die sich für die formalistische Kunsttheorie einsetzen, ganz vorn voran Clive Bell. Diese Theorie definiert Kunst nach formalen Aspekten, es geht um das Zusammenspiel von Linien und Farbe, die dadurch eine ästhetische Emotion auslösen sollen. Auch hier ist anzumerken, dass diese Emotionen nicht für jede betrachtende Person erkenntlich sein werden. 
Der Philosoph George Dickie entwickelte die Institutionstheorie. Diese grenzt sich von den vorherigen Erklärungsmodellen dahingehend ab, dass Kunst Kunst sei, wenn sie von der Kunstwelt (nach Arthur C. Danto) oder Künstler:innen als solche anerkannt wurde. So wird abstrakter Kunst oder Alltagsgegenständen den Aufstieg zu einem Kunstwerk ermöglicht. Die Theorie ist zwar deutlich inklusiver als seine Vorgänger, allerdings bleibt offen: Wer gilt dann als Künstler:in? Reicht es, dass ein Werk zur Kunst wird, wenn jemand beliebiges es als solches betrachtet. Wird jedes vermeidliche Kunstwerk, welches Anerkennung in den Sozialen Medien gewinnt, dann zu einem solchen? Und inwiefern lässt sich Kunst überhaupt philosophisch erfassen oder ist dies ein Diskurs, der eines anderen Rahmens bedarf?


»Jede künstlerische Leistung ist ein Sieg über die menschliche Trägheit.«  – Herbert von Karajan


Ohne Zweifel macht Kunst das Leben schöner und bietet vielen eine einmalige Ausdrucksform, sei es in der visuellen, aber auch in der akustischen oder verschriftlichten Form. Wer sich künstlerisch auslebt, der lernt nicht nur eine völlig neue Seite seiner Welt und sich selbst kennen, sondern muss sich gleichermaßen dazu bereit erklären, sich der breiten Masse offen zu legen; für Kritik und für die Reduzierung auf einen kleinen Augenblick, den man der Gesellschaft preisgab. 


In aktuellen Diskursen wird immer wieder thematisiert, wie wir mit Kunst aus einer Zeit oder Gesellschaft umgehen, deren Werte wir nicht mehr vertreten. Ab wann ist Kunst keine Kunst mehr und verliert das unausgesprochene Recht, als solche anerkannt zu werden?

 

 

Literatur: 
Andreas Graeser, Positionen der Gegenwartsphilosophie (München 2002).

Uwe Schneede, Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert. Von Picasso bis heute. Von den Avantgarden bis zur Gegenwart (München 2021). 

Hans Küng (Hrsg), Literatur, Kunst, Musik (Darmstadt 2019). 

Kommentare (4)

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrte Frau Hitzmann
Ein weites Feld, das Sie da eröffnen – und manchmal auch der Stich in ein Wespennest!
Das Charakteristikum der Kunst zeigt sich, anschaulich vernehmbar, in der Sparte der „Readymades“.
Duchamp, der ‚Erfinder‘ der Readymades, nimmt einen Flaschenständer, wie er zum alltäglichen Zwecke, gereinigte Flaschen zu trocknen, gefertigt und verwand wurde – und sublimiert ihn zum Kunstwerk, indem er diesen trivialen Gebrauchsgegenstand aus seinem adäquaten Kontext extrahiert und, für sich isoliert, zum Gegenstande des Betrachtens setzt. Duchamp, der Künstler, ‚macht‘ am Kunstwerk selbst, z.B. dem Flaschenständer, gar nichts – außer diesen, ein triviales Serienprodukt, seines alltäglichen Kontextes zu entledigen, für sich zum Besonderen zu hypostasieren und so dem Bewußtsein als ein Anstößiges ‚in den Blick‘ zu stellen.
Wie Grund-legend diese Anstößigkeit zur Sache der Kunst gehört, demonstriert Duchamps so ironisch wie provozierend mit einem Kleiderhakenbrett, wie solches zu seiner Zeit an jeder Küchentüre nützlich angebracht war, um Schürze und Handtuch griffbereit zu deponieren, das er wohl kalkuliert irritierend ‚in den Weg‘ auf den Boden seines Ateliers nagelte – damit jeder darüber stolpere, der sich in hybrider Intellektualität anmaßt, dieses triviale Ding da zu mißachten; wenn er sich nicht bequemen wollte, dieses, aus seinem alltäglich zweckmäßigen Orte und Gebrauche extrahierte und anstößig besonderte, an sich doch so nützliche wie allbekannte Gerät nicht beachtete und zur Frage sich anstoßen läßt; z.B.: was soll das denn hier?
Zum Stolpersteine hypostasiert, stößt dieser Alltagsgegenstand zum Bedenken der Sache selbst an und, insbesondere, zum Bedenken des eigenen Bewußtseins und Selbstverständnisses gegenüber dieser trivialen Nützlichkeit und deren ‚bedeutende Spekulation‘ von Leben, Mensch, Dasein, Sinn … bis hin zu Kultur und Wahrheit.
Das Selbstverständnis, spezifisch auf der Stufe alltäglicher Lebenstauglichkeit, resultiert der rational terminierten Einübung im Handeln und Verhalten bis hin zur intendierten Gewißheit eines effektiven Umganges mit einem Sachgehalt – zum Zwecke, sich selbst und die zugehörige Sozialität vergewissert zu wahren. Das alltägliche Gelingen mutiert peu à peu die pragmatisch ganz richtig ‚bedenkenlose‘ Routine zur Routine der Denkresistenz. Diese ‚einroutinierte‘ Denkresistenz des Selbstverständnisses bewirkt einerseits die intendierte Effektivität des Alltages wie ebenso sehr andererseits den Verlust des Bewußtseins an Realität: wegen dessen Fokussierung auf die effektive Reduktion.
Aus aller Achtsamkeit des Bewußtseins fällt dieser Weise das Wirkliche, Lebendige, Ganze und Wahre, das in allem konkret gegenwärtig ist: in jedem natürlichen, jedem technisch-praktischen, jedem kulturellen Gegenstande … und Sachverhalt; ebenso in jedem Handeln und Verhalten, jedem Wort, jedem Satz, jedem Gedanken … Solches liegt so konkret wie vernehmbar, zur Bedeutung aufgehoben, in jeder Einzelheit der Welt ab ovo vor: Spekulation!
Zum Bedenken des Ganzen, worin das Leben überhaupt und des Menschen im Besonderen sich ereignet und Solches jeder Sachverhalt an sich spiegelt, stößt die Kunst dadurch an, daß sie ein Beliebiges aus seinem alltäglichen Kontext extrahiert und auf die Meta-Stufe, dem Orte der Bedeutung und des Bedenkens in kritischer Distanz, sublimiert und die Arbeit des Geistes einfordert, das Ganze und Wahre – der Welt und des Lebens an und für sich – an einem konkreten Einzelnen zu vernehmen, zu erkennen und im Bewußtsein ‚auf den Begriff zu bringen‘.
Readymades demonstrieren die Anstößigkeit der Kunst auf drastische Weise und spiegelt demonstrativ den Zerfall der traditionellen Kunst im gemeinen Bewußtsein zur Nichtigkeit der Bildungsattitüde: die Anstößigkeit der Kunst, des Widerspruches seiner selbst, in der Spannweite von Handeln, Verhalten und Selbstverständnis, im Anblicke von Leben und Welt sich bewußt zu werden und somit eine ‚Revolution der Denkungsart‘ (Kant) zu leisten, – diese Anstößigkeit der Kunst zerfällt unter der Ägide der Bildungsattitüde vom ‚Guten, Wahren, Schönen‘ zur Dekoration.
Der Flaschenständer von Duchamps läßt den Anklang von Dekoration noch zu; und welche Ästhetik vernehmen wir an diesem Alltagsgerät, wenn an ihm das Licht seine Schattenspiele entwirft! Auf der Meta-Ebene fordert das sinnliche Vernehmen dieses Gegenstandes das zur Sache „Flaschenständer“ adäquate Wissen ein und evoziert das Bewußtsein seiner Genesis, von Menschen anhand deren praktischer Erfahrung und intentionaler Zweckmäßigkeit theoretisch konzipiert, handwerklich produziert und alltäglich gebraucht worden zu sein.
Jedes Detail spiegelt ein spezifisches Moment im Horizont von Kultur: Gewinnung und Verarbeitung von Metall und Glas; von Wein und Bier; die lästigen Trivialität, die gebrauchte Flasche zu reinigen und effektiv zu trocknen; wie, insbesondere, die Genesis des kultivierten Umganges mit diesen so sozialisierenden ‚Kultur-Gütern‘ von Wein und Bier – bis hin zu deren Ritualen und ihrer Genesis …
Der alltäglich triviale Gebrauchsgegenstand „Flaschenhalter“ stößt das Bewußtsein an, das Bedenken seiner selbst im Anblicke dieser konkreten Spekulation zu leisten und den Menschen auf diese besondere Weise in der Spannweite von Dasein, Alltag, Bedeutung, Sinn … ‚auf den Begriff zu bringen‘.
Auf der Stufe dieses Anspruches, den wir gemeinhin „Kunst“ nennen, entsprechen einander vollendet das Readymade „Flaschenständer“ eines Duchamp und, z.B., das Gemälde „Übergabe von Breda“ eines Velasquez: den Menschen im Spiegel seines Handelns und Verhaltens zu erkennen; zu erkennen, was er selbst, sein Dasein, sein Sinn an und für sich ist, und somit den Menschen, wie er ‚spekulativ‘ durch die Arbeit des Geistes gegangen ist, zum Bewußtsein bringen.
Vor dieser Folie verliert die Aussage eines Josef Beuys, daß alles ein Kunstwerk und der Mensch ein Künstler sei, jeden polemisch-provokanten Ton und mutiert zur Trivialität! – Zugegeben: diese Trivialität harrt, wie noch so viele andere Trivialitäten im Horizont der Kunst und des Geistes, ihres adäquaten Status qua gemeinem Bewußtsein! Wenn Solches gemeinhin statt hätte, ereignete sich nicht nur eine Revolution der Denkungsart, sondern die Revolution menschlichen Daseins!
Mit besten Grüßen
Rüdiger E. Böhle

Lara Hitzmann

Sehr geehrter Herr Böhle,

vielen Dank für Ihren Kommentar! Sie regen mich wie immer zum Nachdenken an, das war sehr interessant.

Rüdiger Eduard Böhle

Lara Hitzmann
Sehr geehrte Frau Hitzmann

Ihre Worte streicheln, hegen und pflegen meine Eitelkeit. Ich verfüge über selbige in einem hinreichend üppigen Maße und nehme daher alles in bescheidender Demut an.
Na ja, mit der Demut ist es insofern nicht allzu weit her, als ich mit einer Antwort aus dem Bereiche der Kunst und Ihrer Frage zur Zeit nicht adäquat aufwarten kann; es liegt genügend vor, aber nicht 'schriftreif'!
Doch bewog mich Ihre Antwort dazu, doch in das Thema "historischer Augenblick" mich einzumischen. Den Text, den ich dort einstelle, möge als Entsprechung für Sie gelten, schließlich haben Sie die Einmischung ja auch verursacht!

Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger E. Böhle

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrte Frau Hitzmann

Hier nun die avisiert – und beanspruchte – Entsprechung auf Ihre Antwort:
„ … da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Meiner Anmerkung zur Kunst gemäß, eignet einer Sache das Moment der Kunst, wenn diese zum Bedenken von Sinn und Bedeutung des Daseins überhaupt und des Menschen im Besonderen anstößt; anstößt in der Strenge, nicht mehr ausweichen können zu wollen, sondern ‚eigen-willig‘ die Erkenntnis leisten und dem Anspruche von wahr genügen zu müssen.
Kunst eröffnet ein unerschöpfliches Arsenal des Anstößigen (Anm. 1) zur Arbeit des Geistes, den Menschen im Horizont seines Daseins zu bedenken und in der Erkenntnis im Anspruche von wahr auf den Begriff zu bringen, sodaß die resultierende Welt sich bestimmt, die Welt zu sein, die durch die Arbeit des Geistes gegangen ist: die Welt des Menschen. (Anm. 2)
Das Kunstwerk oder das Anstößige in seiner Bestimmtheit, die Arbeit des Geistes einzufordern, provoziert das Bewußtsein zu einem Blick in einen Spiegel; – in einen thematisch prädeterminierten und darum auch prädeterminierenden Spiegel. Kunst eröffnet die Arbeit des Geistes, im konkreten Kunstwerk dessen Thema ‚auf den Begriff zu bringen‘ und so dessen ‚spekulativen Begriff‘ zur Sprache zu bringen und so dessen Horizont seiner Spekulation sich bewußt zu werden. Der unabzählbar unendliche Horizont der Spekulation, wie er sich uns in jedem Einzelnen und präzise im Kunstwerk eröffnet, formuliert auf subtile Weise Leibniz im Begriffe der Monade: „speculatio mundi vel dei“ / „miroir du monde et dieu“.

Die Logik des Spiegels oder der Spekulation
Die Logik des Spiegels lehrt uns auf der Stufe der Physik dessen Unsichtbarkeit; dessen charakteristische oder wesentliche Oberflächlichkeit, alles sinnliche Wahrnehmen des Sehens radikal aus sich auszuschließen. Ein Spiegel ist, innerlogisch stringent, nicht sichtbar; was wir so verwirrend wie verunsichernd in jedem (gut konzipierten) Spiegel-Kabinett auf dem Jahrmarkt konkret erfahren können – und, da wir doch immer seitens des Service und des sympathetischen Miteinander vergewissert sind, auch so heiter wie lustvoll genießen.

Exkursion: Spiegelsaal / klassisches Tutu-Ballett versus Modern Dancing
Ein Spiegelsaal bedarf sehr viel Licht und bleibt ‚lichtvoll‘ doch sinnlich ‚lichtlos‘. Im klassischen Spiegelsaale in Versailles hängen in drei Reihen Kristall-Lüster von der Decke; vor den Pilastern zwischen den Fenstern und den Lisene vor der Innen-Wand stehen dekorative Kristall-Kandelaber, von Eroten und Nymphen getragen: viele Lichtquellen; einstens Kerzen, heute natürlich elektrisch. Doch sinnlich erfahren wir den Raum, an sich ‚in voller Lichtfülle‘, als ziemlich schwach ‚erleuchtet‘!
Das Geheimnis des Spiegelsaales offenbart sich, wenn die Fülle des Lichtes etwas ‚lichtet‘ (Heidegger): zur klassischen Zeit des Spiegelsaales, Barock, trugen die Menschen, insbesondere die Damen, Kleider aus Seide, woran das Licht profan physikalischer Weise wirkte und die exquisit kultivierten Menschen mit einer ‚lichten Aura‘ umhüllte und so, einer Mandorla gleich, transzendierte, vergöttlichte: dem Selbstverständnisse eines Sonnenkönigs ganz entsprechend!
En passant: bei einem Ballett-Event im Spiegelsaal von Versailles wurde klassisches Tutu-Ballett geboten; eine faszinierende Demonstration der barocken Meta-Physik des Lichtes und des Sehens: die Transzendierung des Menschen auf der Stufe der Kunst, die subtilste Stufe der Kultur. Ein Desaster zeigte sich zum Schlusse, als die ‚Modern Dance Company‘ aus Holland ein Kontrastprogramm – im wahrsten Sinne des Wortes – bot: viel nackte Haut und lichtschluckende Trikotwäsche! – Erst eilig aufgestellte Fluter ‚lichteten‘ dann doch die Tänzer und ihre Bewegungen!
p.s.: Eine Reihe Abiturienten auf Abschlußfahrt vor mir, wie in einem nachfolgenden Gespräch sich herausstellte, aus Bayern!, lachte vernehmlich, als die Modern Dance Company angekündigt wurde: sie wußten, was kommen würde! à la bonheur!

Physik: dem Spiegel eignet charakteristisch eine glatte Oberfläche: spiegelglatt.
Spiegel reflektieren das Licht, sodaß alles Licht nirgendwo ‚wirklich‘ (wirk-lich …) auftrifft und sich differenziert: das Licht ‚lichtet‘ nicht! Weil an seiner ‚spiegelglatten‘ Oberfläche das Licht reflektiert wird und darum nicht wirkt und sich differenziert, ist der Spiegel auch nicht sichtbar, sondern immer nur das, was der Spiegel spiegelt; wir nennen es gemeinhin „Spiegelung“. Was wir ‚im Spiegel‘ sehen, ist gerade nicht der Spiegel, sondern ‚seine‘ Spiegelung oder das Resultat ‚seiner Reflexion des Lichtes‘ – gemäß dem Terminus „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“: der Blick in den Spiegel terminiert die Spiegelung des Spiegels. Nur dort, wo Licht auf eine differente Oberfläche trifft und nicht – gleichgültig wie vom spiegelglatten Spiegel – reflektiert wird, differenziert sich das Licht an ihr: hier wirkt das Licht denn auch ‚erhellend‘.
Schon Platon und sein Zeit wußten, daß das All oder der Welt-Raum voller Licht ist, aber dunkel; wo keine Oberfläche, woran das Licht wirken oder ‚wirklich werden‘ kann, da auch keine Helle: absolutes Licht und absolutes Dunkel sind identisch!
Was die ‚alten Griechen‘ von der Logik der Sache her nur stringent sich erschließen konnten, können wir nun empirisch belegen; jeder kennt das Bild: die Erde, der blaue Saphir auf schwarzem Samt! Alltäglich erfahren wir ‚die lichtvoll Lichtlosigkeit‘ bei einer Autofahrt auf regennasser Straße.

p.s.: eine absurde Diskussion, ob der Spiegel spiegelt, wenn z.B. der Gegenstand „Spiegel“ verkehrt auf dem Boden liegt?; wenn kein Blick in den Spiegel statt hat? Das Gesetz oder die Logik des Spiegels beantwortet die Frage clare et distincte: wo kein Blick in den Spiegel statt hat oder der Einfallswinkel terminiert wird, hat kein Spiegel statt, und also auch keine Spiegelung. Der Blick in den Spiegel oder die Terminierung des Einfallswinkels, was wir auch „Perspektive“ nennen könnten, und also subjektiv oder per Gusto konditioniert, mutiert eine kontingent vorliegende ‚spiegelglatte‘ Oberfläche zum Spiegel oder zum unabzählbar-unendlichen Horizont der Spiegelung.

Résumé: Das Gesetz des Spiegels lernen wir gemeinhin in der Schule: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel oder die Spiegel-Brechung. Darum sehen wir in einem Spiegel auch nicht, wie wir gemeinhin umgangssprachlich sagen: ein Spiegelbild. Das Sichtbare, das vom Sehenden her – vermittelst der Spiegel-Brechung – gesehen wird, nennen wir terminologisch korrekt „Spiegelung“. Der in den Spiegel Blickende erblickt, weil der Spiegel und seine Brechung nicht sichtbar ist, das so im Spiegel Erblickte immer ‚geradeaus vor sich‘: das Resultat des, Brechung oder Spiegelung terminierenden, Einfallswinkels seines Blickes in den Spiegel.
Die Logik des Spiegels, dessen Brechung zur Spiegelung, sublimiert die Philosophie zum Begriffe der „Spekulation“: ein kontingenter Sachverhalt mutiert das Bedenken der Sache in kritischer Distanz zum Spiegel und eröffnet stringent dessen Horizont der Spiegelungen, die in der jeweilen konkret per bestimmtem Blicke terminierten Spiegelung immer zugleich und plastisch vernehmbar ein Allgemeines, ein allem Gemeinsames, offenbart, das in der Arbeit des Geistes, das Wahre – an einem spezifisch Besonderten oder dem Bewußtsein Anstößigen – zu erkennen, auf den Begriff gebracht wird. So und nur so ‚begreifen‘ wir einen Sachgehalt.

Von der Theorie zur Praxis: Der Blick in den konkreten Spiegel „Macbeth“ und hier in den spezifischen Spiegel „die Hexen“ (Moiren/Parzen) im Prolog

Die Hexen, Gestalten des nordischen Mythos, entsprechen, cum grano salis, den griechischen Moiren und römischen Parzen: Schicksals-Göttinnen. (Anm. 3)
Sie repräsentieren, wie es sich bei Gelegenheit einer besonderen Situation prägnant offenbart, das Wahre des Bewußtseins und die innerlogisch stringent resultierende Zukunft. Wie bei Moiren und Parzen offenbaren die Weissagungen der Hexen nur die innerlogische Stringenz des Selbstverständnisses oder des aktuell denkresistent terminierten Status des Bewußtseins. (Anm. 4)
Die Weissagung und deren Erfüllung spiegelt die Logik der Sache oder das einfache Resultat ‚Grund-legender‘ Konditionen; strenger formuliert: Axiome bedenkenlos anerkannter und alles Handeln und Verhalten terminierende Bestimmtheiten des Bewußtseins; Axiome unter deren Verdikt steht alles Handeln und Verhalten, alles Empfinden, alles Wahrnehmen und alles für-wahr-Halten, Urteilen, Meinen …
Die Szenen der Hexen und deren Begegnung mit Macbeth eröffnet im unabzählbar-unendlichen Horizont seiner Spiegelung das weite Feld des Widerspruches in der Sphäre von Moral, Sittlichkeit, Werte und Hierarchie: alle Ehre, alle Würde, alle Achtung … hat ihren ‚absoluten‘ Ort in der Position des Ersten, der Domination! Wozu natürlich, auf den Begriff gebracht, Machiavelli einfällt: il Principe! (Anm. 5)

In dieser Sphäre muß und wird ganz selbstverständlich streng davon abgehalten alles, was gemeinhin „Humanität“ genannt wird: die Frage nach dem Wahren, Guten, Schönen; nach dem Menschen, dem Leben, dem Sinne und der Bedeutung des Daseins; nach der Würde, Achtung, Ehre; nach Glück und Erfüllung an und für sich … (Anm.6) oder, politisch und vor der Folie des Macbeth etwas stringenter: streng abgehalten wird der Fragenhorizont: wer entspricht in der Sache, der politischen Position des Ersten, des Regenten und der Verantwortung? Abgehalten wird damit insbesondere: worin ‚spiegelt‘ sich Solches in realitate? (Anm.7)

Vor dieser Folie sprechen die Hexen das – sittlich konditioniert denkresistente – Selbstverständnis der politischen Macht clare et distincte aus: „Wenn der Wirrwarr (des Augenblickes jetzt vor der Schlacht) ist zerronnen. Die Schlacht verloren und gewonnen“, sodaß die Situation oder der Sachstand nun ‚per Tat-Kraft‘ geklärt ist, dann „zu treffen Macbeth“, den Schlachten-Gewinner, um ihm seine Zukunft zu avisieren und die in seinem Bewußtsein ihm schon immer ‚wahre‘ Intention zu eröffnen und in die Aufmerksamkeit zu setzen: König zu werden! (Anm. 8)
Die Hexen tragen die innerlogische Stringenz vor bis zum Bewußtsein der Intention, die absolute Position sich zu erobern: vom ‚erkämpften‘ Than of Glamis und weiter über den ‚Ehrensold‘ eines Than of Cawdor hin zur Vollendung in der Königswürde!

Der Bruch oder der Anstoß, die Königswürde anzustreben, ereignet sich mit der Erhebung zum Than of Cawdor. Diese Peerswürde, von den Hexen schon vorweg an Macbeth geweissagt, überbringt ein Bote an Macbeth – und bestätigt so das Wort der Hexen und fokussiert das Bewußtsein des Macbeth. Diese Bestätigung bewegt Macbeth, die avisierte Position der ebenso geweissagten Königswürde, die ihn schon immer, doch bis dahin gleichsam ‚unterbelichtet‘ attraktierte, zu intendieren; und so verweist im Bewußtsein des Macbeth, wie auch jetzt noch immer zögerlich, doch schon alles auf den Horizont von Mord hin. (Anm. 9)

Während Macbeth die Würde eines Than of Clamis sich selbst erwarb, da er den Träger dieser Peerswürde, ein Rebell und Verräter seines Königs, Duncan, im Schlachten-Kampfe tötete, kommt die höhere Würde eines Than of Cawdor zwar auch wohl erworbener Weise ihm zu, aber doch nur in der Anerkennung seiner Taten in der Schlacht – durch Duncan, den König, und dessen Dankesgeste! (Anm. 10). Solches repräsentiert einen Gnadenerweis seitens einer höheren oder absoluten gegenüber einer niederen Position: Die Auszeichnung durch einen Gnadenerweis dokumentiert oder ‚spiegelt vor aller Öffentlichkeit‘ den uneinholbaren Unterschied im Range und in der Würde zwischen dem Ehre-Verleihenden und dem Empfangenden: die Differenz in der Würde spiegelt die Differenz im konkreten Werte! Nur wer in der Werte- und Würdehierarchie höher rangiert, kann Jemandem in der Werte- und Würdehierarchie niederen Werten und Würdigen eine höhere Würde verleihen; eine Würde, die eben dadurch, daß sie ‚verliehen‘ wird, eo ipso in der Werte- und Würde-Hierarchie immer zugleich den Hierarchie- oder den Rang-Unterschied manifest repräsentiert; darum auch: der Geehrte kniet – in Demut; der Ehre Verleihende steht – der Souverän! (Anm. 11)

Macbeth wird Duncan, seinen König, töten – gemäß dem sittlichen Wertekodex, den Lady Macbeth gegenüber ihrem Manne so vehement zur Sprache bringt. Macbeth gehorcht ‚dem Gebot der Stunde‘ wider alle Einwände der Vernunft, die wir auch „Humanität“ nennen könnten. Was zur Tat überzeugt und zwingt: die Sittlichkeit der Werte und deren Hierarchie – unter dem Verdikt der Denkresistenz gegenüber Moral, Sittlichkeit, Werten und deren Hierarchie! So etwas wie ‚Verantwortung vor der und für die Sozialität‘ hat im Selbstverständnisse von Macht auf der Stufe von Domination und, insbesondere, von Würde auf der Stufe von Repräsentation des Absoluten, eo ipso keinen Ort.
In einer subtilen Logik der Sachen von Moral, Sittlichkeit, Werte und deren Hierarchie
legitimiert der Mord sich gleichsam ‚von selbst‘ und spiegelt die Antwort auf eine Frage aus dem so weiten wie diffusen Feld der moralischen Dichotomie, spezifisch aus der Sphäre der Gerechtigkeit: wer ist mehr und damit legitimer Weise der Erste? Der König, der Andere und auf Kosten ihres Lebens die Schlachten schlagen und gewinnen läßt? oder doch der Kämpfer, der unter Einsatz seines Lebens den Sieg in der Schlacht erzwingt?

Macbeth wie seine Frau, Lady Macbeth, werden den Frevel für und vor sich selbst nicht aushalten und an den Konsequenzen zum Grunde gehen: wie die Hexen es ihm ansagten! Und so bestimmt das Theaterstück „Macbeth“ sich zum Spiegel oder, terminologisch formuliert: zur Spekulation, den – an und für sich unaushaltbaren – Widerspruch im Horizont von Macht, Sittlichkeit, Moral und Werten auf den Begriff und ‚anschaulich‘ zum Bewußtsein zu bringen.

Was auch immer das Bewußtsein dazu anstößt, dieses Etwas für die Arbeit des Geistes, im Bedenken auf der Stufe der kritischen Distanz, insbesondere zu sich selbst, die Erkenntnis des Wahren zu leisten, zum Spiegel zu setzen, eröffnet den unabzählbar-unendlichen Horizont der Spiegelung, deren jede das Ganze oder das Wahre (Hegel) präzise vernehmbar offenbart. Terminologisch: Spekulation. Weshalb es denn auch völlig ‚gleich-gültig‘ ist, was das Bewußtsein zur Spekulation anstößt: immer expliziert sich das Ganze – in der bestimmten Gestalt des Einzelnen!

Uns stieß „Macbeth“, spezifisch die Hexen-Szene des Anfanges zur Spekulation an; das konkret ‚Anstößige‘: Ukraine-Konflikt!
Auch ein beliebig Anderes hätte uns anstoßen können: Otto Dix: Verdun, Soldaten, Schützengräben.
Es hätte ebenso sehr auch ein ganz Anderes sein können, das akut zum Bedenken hätte anstoßen können: Schlegel, Lucinde; Fontane, Stechlin; Dante, comedia; Brandt, Narrenschiff; Choderlos de Laclos, les liaisons d’angereuses … Munch, Eifersucht, frankfurter Version; Rembrandt, Bad der Diana mit Aktaion und Kallisto; Michelangelo, Bacchus oder David; Dali, fließende Uhren oder Mae West …: Der Spiegel spiegelt gleich-gültig! Spekulation eröffnet dem Bewußtsein den Zugang zur Erkenntnis des Ganzen oder Wahren oder den unabzählbar-unendlichen Horizont menschlichen Daseins. Es sei wieder einmal Leibniz und der Begriff der Monade zitiert: speculatio mundi vel dei oder miroir du monde et dieu!

Kunst ist – an und für sich oder auf der Stufe des Begriffes – Spekulation. Das haben wir im Text zuvor weithin erörtert. Hier und nur hier, im Kunstwerk, worin ein Begriff ‚spekulativ dicht‘ zur Sprache und so zum Bewußtsein kommt, hat der Mensch seinen, ihm und nur ihm entsprechenden, Ort: „Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet / der Mensch auf dieser Erde“ (Anm.12). Diese Verse Hölderlins bedenkt Heidegger, für ihn selbst ‚Grund-legend‘, in einem – feinstens spekulativen – Vortrage dieses Titels. (Anm. 13)

Den Anspruch der Kunst in jedem ihrer Werke, auf der Stufe des Geistes oder des spekulativen Begriffes mit einem Kunstwerke sich auseinanderzusetzen, und die Konsequenz dieser Arbeit des Geistes spricht Rilke in den letzten beiden Versen seines Sonettes „Archaischer Torso des Apoll“ aus: (Anm. 14)
… denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Anmerkungen:
Anm. 1: In Parenthese: Thomas Mann; Joseph und seine Brüder, erster Satz: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollten man ihn nicht unergründlich nennen!“
Anm. 2: ‚des‘ Menschen: doppelter Genitiv!
Anm. 3: Hölderlin; An die Parzen
Anm. 4: Fontane; Die Brücke am Tay
Anm. 5: Caesar: „Lieber hier in diesem gottverdammten Bergdorfe Erster als in Rom Zweiter!“ Hier oben im Gebirge, nicht am Rubicon ereignet sich „alea iacta est!“
In Parenthese einige diverse Konfrontationen aus der Geschichte: Athen versus Sparta; [en passant: was sich gegenwärtig in der Ukraine-Krise ereignet, erzählt Thukydides in der Athen-Melos-Krise. Athen führt seine militärische Überlegenheit demonstrativ vor, läßt generös diplomatisch verhandeln und marschiert dann ein! – wie gegenwärtig Rußland alle Welt diplomatisch bei sich antichambrieren läßt, bis die militärische Logistik erledigt ist, und wird dann alle Welt und Diplomatie düpieren!] Caesar versus Pompeius; Octavian versus Antonius; Konstantin versus Maxentius; Karolinger versus Merowinger [en passant ein süffisantes Sujet: der Papst präferiert die Karolinger; diese bereit sind, den geforderten Preis zu bezahlen: Das Konstrukt der Konstantinischen Schenkung anzuerkennen und willig zur Grundlegung des Alleinvertretungsanspruches des Bischofs in Rom beizutragen! Umgangssprachlich: Eine Hand wäscht die andere! Dieser – gegenseitig wohl gesonnenen – Geste entspringt der desaströse Konflikt des Mittelalters: Papst versus Kaiser; z.B.: Canossa bis hin zum preußischen Kulturkampf!] Ein besonderes Detail im Konflikt ‚Papst versus Kaiser‘: Innozenz IV. versus Friedrich II. von Hohenstaufen und die empirisch-experimentell nachvollziehbare Demonstration von „Wissen ist Macht“ (etwa 400 Jahre vor Bacon) gemäß seinem Falkenbuche „de arte venandi cum avibus“; Standardwerk bis in die Gegenwart!
Etwas zeitnäher und zeitgemäßer: Robespierre versus Danton und versus Fouché.
exquisit: Pierer hält im Foyer auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos (2007) Hof; dann kommt Merkel – und Pierer sitzt belanglos da wie bestellt und nicht abgeholt!
trivial: Wer hat in der Ehe, in der Familie das Sagen oder ‚die Hosen an‘?
soziale Status-Repräsentation: Wer kann sich was leisten?
Spektakel: wer fällt mit welchem Outfit auf dem Red Carpet auf?; wer ‚dominiert‘ mit welchen Mitteln die Medien? – Die Liste der Verweise ließe sich fortsetzen!
Anm. 6: Macbeth löst den Anspruch der Sittlichkeit per ‚krimineller Energie‘ ein. Doch Solches ist fast schon harmlos gegenüber dem ‚Ehren-Handel‘, dem vier Menschen ‚zum Opfer fallen‘, natürlich sittlich vollendet gerechtfertigt, wie Instetten, voller innerer Verzweiflung bekennt, gegenüber Möllendorf, seinem Freunde, auf einer Bank im Park, da er den Fauxpas seiner Frau offenbarte! Na ja, Instetten hatte wohl Luther nicht gelesen: ein Wort, über die Lippen entlassen, kann nicht nur nicht mehr zurückgenommen werden, sondern entzieht sich jeglicher Herrschaft in dem, was es beim Sprecher wie ebenso beim Hörer bewirkt! – Sprache und Bewußtsein! (Humboldt; über Denken und Sprechen)
Anm. 7: das weite Feld, das Platon in der Politeia eröffnet; Aristoteles in der NE zur Grundlegung der Eudaimonia, Aischylos in der Mutation der Erinnyen zu Eumeniden durch Athena in Verbindung mit deren Stein zur Verantwortung aufhebt; Kant in „Was ist Aufklärung“ und „zum ewigen Frieden“ im Begriffe der Souveränität terminiert und in der Formulierung, daß der Mensch Zweck an sich selbst ist, und Solches bis hin zum kategorischen Imperativ expliziert.
Die Alten Ägypter faßte diese Problematik prägnant in der Gestalt des Raubtieres, der herrschaftlichen Geste der Jagd und der Verteilung des Anch-Zeichens: Statuen und Fresken erzählen von diesem Bewußtsein der Identität von Herrschaft und Verantwortung.
Die abendländisch-europäische Malerei bringt in ihren Bildnissen von irgendwelchen Herrschaftsfiguren in der Spannweite von bürgerlich bis Adel das Selbstverständnis von Macht und Reputation, das Macbeth zum Königsmorde treibt, in mannigfachen, vehement anstößigen Werken vor das betrachtende Bewußtsein. Welch ein stupides Selbstverständnis von Herrschaft und Macht breitet Lorenzetti in seinen Allegorien der Cattivo / Buon Governo (Siena) aus; Mantegna in der Camera degli Sposi (Mantua); Tizian im Bildnisse eines Venezianers, des Mannes ‚mit dem blauen Ärmel‘, Leo X.; Bildnis ‚vornehmer‘ Bürger der Stadt Würzburg, deren Standeswürde in der Größe ihrer Hüte sich repräsentiert (Stadtmuseum); ein besonderes Exemplar der Spekulation von Herrschaft und Verantwortung – und seit eh und je ‚Vorbild‘: Ludwig XIV. (Hyacinthe Rigaud)
Anm. 8: 1. Akt, 2. Szene
Anm. 9: dito, 3. Szene. Rede des Macbeth unter der Regie-Anleitung: beiseite!
Anm. 10: Nietzsche über die Zwiespältigkeit des Dankes und des Geschenkes!
Anm. 11: Als Bismarck König Wilhelm I. von Preußen die Kaiserwürde „im Namen des deutschen Volkes“ antrug, lehnte Wilhelm empört ab: das Volk hat gegenüber dem Souverän keine Würde, schon gar keine ‚höhere‘ als er, König von Preußen und Sieger von Sedan. Daher kann ihm, dem König, das Volk gar nicht die Würde eines Kaisers in einem Hoheitsakte antragen und verleihen!
Bismarck mußte Wilhelm I. ‚am Portepee fassen‘, um ihn zu bewegen, doch – und bei allen im Protokolle ausdrücklich anerkannten Vorbehalten – aus Bismarcks Hand, aber im Namen des Volkes und ‚in höchster Verehrung durch das Volk‘ – die Würde des Kaisertumes anzunehmen: in Frankreich, nicht in Deutschland! Ein süffisantes Detail: im absolutistischen Glanze eines Spiegelsaales von Versailles. Solches ganz selbstverständlich – ohne das, aller Würde bare, Volk!
Anm. 12: Hölderlin, In lieblicher Bläue; 1807
Anm. 13: 1951; in: Vorträge und Aufsätze. In Parenthese: Der Ursprung des Kunstwerkes, in: Holzwege
Anm. 14: Rilke; „Neue Gedichte“, Teil 2; 1. Sonett, Archaischer Torso Apollos / Verse: 13f. – „die dich nicht sieht“: „dich“, den Betrachter des Torso, der – auf der Stufe der Kunst – in den Spiegel „Torso Apolls“ blickt und so dessen unabzählbar-unendliche Spekulation sich eröffnet.
Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger E. Böhle


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